Folge 5: Mannsein mit Prostatakrebs

Mannsein mit Prostatakrebs

Was bedeutet eigentlich "Mann sein" und was macht der Prostatakrebs damit? Wierich, der vor kurzem gegen sein Prostatakarzinom behandelt wurde, spricht offen darüber, wie ihm sein Job in der Krankheit hilft, was ihm seine Arbeit bedeutet und was sich bei ihm körperlich sowie sexuell verändert hat.
(EM-142725)

Über den Podcast

Inhaltsverzeichnis

(00:00 – 01:26) Anmoderation der Folge.
(01:26 – 04:16) Patient Wierich stellt sich und seinen beruflichen Werdegang vor.
(04:16 – 07:06) Wierich über die Diagnose „Prostatakrebs“.
(07:06 – 08:18) Wierichs Prognose und Optionen.
(08:18 – 09:21) Weiterarbeiten trotz Krebs – Wierich und Krankheit und Job in Einklang gebracht hat.
(09:21 – 11:30) Mannsein: Über Hormonersatztherapie und „Wechseljahre beim Mann“.
(11:30 – 13:50) Wieder im Einklang mit der Sexualität – Wierichs Hoffnung.
(13:50 – 15:40) Emotional: Das Gespräch mit Arbeitgeber und Kolleg:innen, Familie und Kindern.
(15:40 – 17:19) Alltäglichkeit und Optimismus: Wierichs Umgang mit dem Krebs.
(17:19 – 21:22) Zahlen, Fakten und Aufklärungsangebote zur Arbeitsunfähigkeit durch Krebs.
(21:22 – 23:22) Reha? Nein danke! Warum sich Wierich damals dagegen entschieden hat.
(23:22 – 24:23) Finanzielle Unterstützung – wem steht was zu?
(24:23 – 25:45) Wierichs aktuelle Arbeitsbedingungen.
(25:45 – 28:24) Wie sich die Pandemie auf Wierichs Leben auswirkt.
(28:24 – 30:46) Wierichs Strategien und Quellen der Zuversicht.
(30:46 – 33:39) Visionen für den Beruf: Was Wierich künftig vorhat.
(33:39 – 35:04) Fazit zur Berufstätigkeit bei Krebs.
(35:04 – 36:47) Wierichs wichtigster Tipp: Offenheit und Normalität.
(36:47 – 37:30) Abschied und Abmoderation der Folge.

Transkript Folge 5:
Mannsein mit Prostatakrebs

Lars [00:00:01] Herzlich Willkommen zu „Mein Krebsratgeber zum Hören“. Mein Name ist Lars Schmidtke und gemeinsam mit meinen Gästen sprechen wir offen und ehrlich über Krebs und das Leben mit Krebs. Hören Sie rein, wenn Sie persönliche Geschichten, aber auch Expertenrat zum Umgang mit der Erkrankung erfahren möchten. Unser Podcast ist ein Podcast mit Betroffenen für Betroffene.

Lars [00:00:25] Heute geht es um das Thema Krebs und Mannsein. Dabei sprechen wir über ganz viele Dinge, unter anderem Sexualität und Therapie, Berufsunfähigkeit, Wiedereinstieg und Rehabilitation. Dazu möchte ich heute mit einem Betroffenen, nämlich mit Wierich sprechen. Vielen Dank für Ihr kommen, schön, dass Sie da sind.

Wierich [00:00:44] Ja, ich freue mich auch sehr. Guten Morgen Lars. Ich freue mich, wie gesagt, sehr, sehr. Ist für mich auch ein neues, ganz neue Thematik und bin ganz, ganz gespannt, was da auf uns zukommen mag in den nächsten Minuten.

Lars [00:00:57] Ich auch. Es ist ja nicht das einfachste Thema. Krebs kann grundsätzlich jeden treffen, Frauen, Männer, Kinder, jeden kann es erwischen, aber bei Männern stehen allerdings gesellschaftlich bestimmte Ideale im Raum, beispielsweise gelten Männer in der Vorstellung vieler weiterhin als der Hauptverdiener, sollen sexuell immer können oder sogar harte Kerle abgeben, obwohl es ihnen schlecht geht. Deswegen würde ich gerne wissen, wie Sie mit all dem umgehen Wierich?

Lars [00:01:26] Stellen Sie sich doch gerne einmal vor, wie alt sind Sie, was sind Sie von Beruf und wann wurde der Prostatakrebs bei Ihnen diagnostiziert?

Wierich [00:01:34] Ja, gerne. Also ich bin 57 Jahre alt, bin im Mai '64 geboren. Mein beruflicher Werdegang, ja ich habe nach der Schule, nach dem Abi, '84 war das, schon ganz, ganz lange her, habe ich kurz meinen Grundwehrdienst abgeleistet, war ja damals noch Pflicht und habe dann '85 bis '87 eine Lehre, eine Ausbildung gemacht zum Bankkaufmann. Habe dann inklusive Lehrzeit sechs Jahre als Kundenberater bei der Bank gearbeitet und habe danach mich so anderthalb Jahre, anderthalb bis zwei Jahre mit einem damaligen Kollegen versucht, Versicherungen zu verkaufen, ehemals Finanzvertrieb, das hatte mir aber sehr viel Frust gegeben, sehr viel Lust genommen an der Arbeit, hatte mir keinen Spaß gemacht. Es war früher so, da gab es noch kein Internet, da war man noch bei Leuten zu Hause. Ja, auf jeden Fall habe ich dann das sein gelassen, habe dann ein dreiviertel Jahr gar nichts getan, war so die Sturm-und-Drang-Zeit, ich hatte mehr Party gemacht. Das ist schon ein bisschen her und bin dann '94 in die Düsseldorfer Broker-Welt eingestiegen, Warenterminwelt, die Sagenumwobene, und habe dann bis über verschiedene Stationen dann relativ schnell wieder raus nach drei Jahren aus der Warenterminsache. Habe dann für verschiedene Aktienbroker gearbeitet bis 2010 und bin jetzt seit nunmehr sieben Jahren bin ich jetzt im Bereich gesetzliche Krankenkassen zuständig. Da berate ich Menschen, also die gesetzlich krankenversichert sind, zum Thema Zusatzversicherung, Schwerpunkt Zahnzusatz oder auch Krankenhauszusatz, Pflegezusatz, ja, diese Kleinigkeiten. Das mache ich aber ausschließlich im Telefon, im Telefonverkauf.

Lars [00:03:13] Sie sind verheiratet?

Wierich [00:03:14] Nein, ich bin geschieden. Ich war Anfang der 90er Jahre für zwei Jahre verheiratet. Daraus stammt mein Sohn, der jetzt 30 im November wird, bin seit zehn Jahren allerdings fest zusammen mit meiner Partnerin, sehr schön, sehr, sehr glücklich. Eine Heirat steht auch unausgesprochen, ausgesprochen, wie auch immer, im Raum.

Lars [00:03:34] Haben Sie es heute das erste Mal gesagt?

Wierich [00:03:34] Nein, nein, nein, nein, nein, nein. Wir haben schon des Öfteren drüber gesprochen, wir suchen auch noch nach der geeigneten Lebensform, weil noch haben wir auch getrennte Wohnungen, sehen uns schwerpunktmäßig am Wochenende, obwohl es gar nicht so weit ist, Geldern – Duisburg, ist gar nicht mal so weit. Wir suchen dann noch nach der richtigen Form, also speziell auch dem richtigen Lebensort. Da gab es verschiedene Modelle und ist natürlich auch ein bisschen abhängig vom weiteren Behandlungsverlauf bei mir. Und ja, das mache ich jetzt seit, wie gesagt, sieben Jahren den Bereich, ich bin Angestellter, Angestellter bei einem großen Versicherungsmakler, mache das ausschließlich im Telefonverkauf. So und die dritte Frage war…?

Lars [00:04:16] Genau die dritte Frage, der Zeitpunkt Ihrer Diagnose.

Wierich [00:04:20] Der Zeitpunkt der Diagnose war, also am 10. Oktober 2019 ist mir das Ergebnis, ich fange rückwärts an, ist mir das Ergebnis der Biopsie eröffnet worden. Diese wiederum habe ich am 07. Oktober gemacht. Die wurde ambulant gemacht in einem Krankenhaus und vorher war ich beim Hausarzt, weil ich Auffälligkeiten hatte, sowohl beim Wasserlassen ist mir das aufgefallen, dass der Harnstrahl deutlich schwächer wurde, habe ich aber erst aufs Altern zurückgeführt, ich dachte, wenn du älter wirst lässt das nach und auch nachts mal raus und hatte aber auch dann plötzlich im September, August September etwa, beim Verkehr mit meiner Partnerin gemerkt, dass was nicht stimmte, weil auf einmal beim Verkehr kein Ejakulat mehr kam beim Höhepunkt bei mir. Und da habe ich mir gedacht, okay, das hat jetzt nichts mit dem Älterwerden zu tun, sondern da stimmt irgendwas nicht.

Lars [00:05:12] Gab es da schon die Diagnose? Also da war klar…

Wierich [00:05:15] Nein, im Gegenteil. Nein, gar nicht. Und da bin ich zum Arzt gegangen, habe das erzählt, Hausarzt, er hat mir gegenüber gar keine großartige Bedeutung dem beigemessen, fand ich jetzt ein bisschen ulkig, PSA-Wert genommen, der war nicht hoch 4,4, wobei das ja nichts aussagt, weil ich hatte keinen Referenzwert, weil ich nie Vorsorge gemacht habe. Der wollte das dann aber einfach auch nur beobachten, weil auch auf dem Ultraschall ließ sich nichts erkennen und weil er meinte, das sei nicht hoch mit dem PSA-Wert. Aber mir ließ es keine Ruhe. Ich bin in Eigeninitiativ zu einem Urologen gegangen, ich habe mir einfach einen aus dem Branchenbuch rausgesucht, also ich hatte ja gar keinen, einfach einen ausgesucht, der hat dann direkt die Biopsie veranlasst. Ja, so kam das dann raus. Und das wurde mir dann am 10. Oktober 2019 halt eröffnet, dass ich eine aggressive Form Prostatakrebs habe, weil bei mir alle zwölf Stanzproben positiv waren.

Lars [00:06:09] Wie haben Sie das aufgenommen?

Wierich [00:06:10] Das habe ich, ja in den ersten Stunden sehr irreal aufgenommen. Ich habe das aufgenommen als Ergebnis einer Laboruntersuchung, aber hätte das für mich dann noch gar nicht verinnerlicht, dass ich jetzt Krebs habe, weil Krebs ist ja für mich, aber ich denke für viele andere Menschen auch, einfach ein ganz schlimmes Wort. Mit Krebs verbindet man ja, also ich auch, verbinde ich automatisch ja letztlich tot, siechen, schlimme Behandlungen, tot. Da gingen mir schon viele Gedanken durch den Kopf. Ich war da schon, muss ich sagen, angeknockt, also war schon wie ein Tiefschlag, hat mich wirklich getroffen, weil ich damit natürlich auch nicht gerechnet habe, weil ich Zeit meines Lebens gesund war, gesund bin, sage ich sogar heute. Und bin dann aber auch recht, ich glaube noch am gleichen Tag, habe ich dann trotzdem das Gespräch gesucht mit meinem Hausarzt, welche Optionen ich jetzt habe, weil die mir angebotene Option vom Krankenhaus, mich operieren zu lassen, schied für mich erstmal aus.

Lars [00:07:06] Also das war quasi die Prognose des Krankenhauses, die man Ihnen dann da mitgegeben hat. Wie war die genau?

Wierich [00:07:13] Ja, die war ganz locker, so nach dem Motto, ach das haben so viele heutzutage und da werden wir einfach mal operieren und dann kommt die Prostata raus und das wird dann mit diesem neuartigen da Vinci-System gemacht und da tat man dann so, als wenn das so wäre wie Fingernägel schneiden, so eine ganz banale Geschichte. Da habe ich mich aber nicht mit anfreunden können, weil ich mir erst mal eine zweite Meinung einholen wollte, beziehungsweise mit Menschen reden wollte, zu denen ich Vertrauen hatte, was ich bei dem Professor, der es im Krankenhaus gemacht hat, nicht zwingend hatte und deswegen habe ich mir dann über meinen Schwager, der ist Arzt, mein eigener Schwager, habe ich mir dann erstmal Rat geholt und da war es schon mal beruhigend, dass er mir sagte, pass auf, das ist doof, dass du es jetzt hast, aber daran stirbst du nicht. Das war für mich schon mal eine ganz, ganz wichtige Botschaft. Ja, und von da an habe ich dann eigentlich auch sofort so ein bisschen Pioniergeist in mir entdeckt, dass ich dann wissen wollte, was ich tun kann. Und der hat auch dann Kontakt hergestellt zu einer anerkannten Urologin, zu einer bekannten Urologin, mit der er auch schon lange zusammenarbeitete. Da bin ich dann auch recht zeitnah hin und hatte da großes, großes Glück.

Lars [00:08:18] Aber Sie waren jetzt nicht krankgeschrieben? Sie haben einfach weitergearbeitet?

Wierich [00:08:22] Ja, ja genau, genau. Ich habe mich nicht, ich habe nicht einen Tag krank gefeiert oder sagt man ja so schön, krank feiern, beknacktes Wort eigentlich, krank feiern. Nein, nein, ich habe ganz normal weitergearbeitet, ohne jetzt mich krankschreiben zu lassen und bin dann während meiner Tätigkeiten dann zwischendurch, also wenn ich jetzt einen normalen Arbeitstag habe, habe ich die Arzttermine eingeschoben, bin dort dann dahin gegangen. Da wurden dann auch sofort sämtliche Untersuchungen veranlasst wie Bildgebung, damit man sich ein genaues Bild machte, ob eventuell Metastasen im Körper sind und Laborwerte etc., etc.

Lars [00:08:59] Alles so nebenbei? Neben dem Job haben Sie das einfach…?

Wierich [00:09:01] Neben dem Job, ja, ja. Ich habe das alles neben dem Job gemacht und ja, es waren ja einige Anlaufstellen, weil nicht jeder Radiologe macht dieses und da wurde ja dann CT gemacht und MRT und wie das alles heißt und Röntgen und die ganzen Sachen. Aber das habe ich alles relativ schnell über die Bühne gebracht, innerhalb weniger Tage, sodass wir dann auch ein vernünftiges Bild hatten.

Wierich [00:09:21] Und habe dann auf Anraten meiner Urologin mich für die Therapie entschieden, die ich jetzt gemacht habe oder noch mache, sprich hormonelle oder antihormonelle Behandlungen. Sie hat mir das einfach recht gut erklärt, wir machen eigentlich das Gegenteil was Bodybuilder machen, wir knallen den Testosteronwert runter und leiten dadurch dann sozusagen künstlich die Wechseljahre ein.

Lars [00:09:48] Die Wechseljahre des Mannes?

Wierich [00:09:50] Genau, die Wechsel.., meine Frau nimmt es ja nicht.

Lars [00:09:54] Und was bedeutet das denn für Sie, also Wechseljahre? Es wird ja was unterdrückt, Wierich.

Wierich [00:10:00] Ja genau, es wird die Testosteronbildung unterdrückt. Es verändert sich auch, rein erst mal optisch von der Größe her, das Geschlechtsorgan, sowohl Hodensack als auch Penis gehen ins Miniformat, also die normale Erektion ist so eigentlich nicht möglich. Das heißt jedenfalls im bewussten Zustand nicht und komischerweise weiß ich aber, dass es geht, weil ich im Traum das auslebe und dann manchmal auch nach einem Traum wach werde und dann auch eine Erektion habe. Also weiß ja, dass es rein technisch geht. Und ich muss jetzt einfach für mich schauen und einen Weg finden, auch natürlich in Absprache mit meiner Ärztin, die wird mir da sicherlich Ratschläge, Hilfestellung geben, wie ich das hinbekomme, rein technisch auch, habe mir auch zur Hilfe bereits habe ich mich mit Medikamenten versorgt, die die Erektion stimulieren, da gibt es ja mittlerweile diverse Sachen und bisher, Stand jetzt, mache ich es bei mir immer noch im Kopf fest, weil ich sage mir als Laie, wenn es nicht gehen würde, hätte ich es auch nicht im Traum und würde dann auch nicht mit einer Erektion aufwachen. Aber es ist schwierig und wir hatten ja eben auch das Thema Männlichkeit und Mann ist ja immer stark, Mann ist unbesiegbar, Mann ist auch nicht impotent, Mann ist immer alles. Das ist, glaube ich, so eine Sache, die ich auch noch im Kopf habe, die mich da blockiert letztlich und diese Blockade versuche ich dann auch da zu lösen und das Gute ist, dass ich ja…

Lars [00:11:21] Die Blockade, nicht darüber zu sprechen oder welche Blockade?

Wierich [00:11:24] Nein, die Blockade, mir das selber einzugestehen, dass das so ist und dann damit dann umzugehen.

Wierich [00:11:30] Und ich habe auch eine sehr, sehr wirklich sehr, sehr verständnisvolle Partnerin, mit der ich auch darüber reden kann und mit der ich das aber auch wirklich verdammt noch mal wieder ausleben möchte. Und das wäre für mich echt ein sehnlichster Wunsch, dass ich da hin kommen kann und dass ist für mich…

Lars [00:11:45] Und zeichnet sich so ein Weg ab für Sie?

Wierich [00:11:47] Ja, ich verbinde da sehr viel mit dem nächsten Gespräch bei meiner Ärztin. Das ist turnusmäßig im Oktober, weil wir da darüber sprechen wollten, ob wir eventuell die Therapie mal unterbrechen, absetzen, reduzieren, wie auch immer, mit einer engmaschigeren Kontrolle natürlich dann. Ich glaube, dass dann sozusagen der Startschuss fallen könnte, ins Rollen gerät, in die Standfestigkeit gerät sozusagen. Also ich verbinde da schon sehr viel mit und suche da auch nach Wegen das hinzubekommen. Ich bin auch relativ sicher, dass ich das schaffen werde, in welcher Form auch immer. Sexualität ist ja nun mal auch, Gott sei Dank, vielfältig auslebbar und wir werden da sicherlich…

Lars [00:12:29] Sie sind 57.

Wierich [00:12:31] Ja, aber nur mal mit Stand jetzt gehandicapt, alleine auch durch das Schrumpfen der Geschlechtsteile ist schon schwierig und eben die Schwierigkeit eine standesgemäße Erektion zu bekommen. Aber da glaube ich, wie gesagt, ich glaube schon, ich glaube da felsenfest dran, dass das geht. Ich weiß eben auch, dass es geht, weil sonst hätte ich es nicht geträumt. Das ist für mich sicher. Ich müsste halt einen praktikablen Weg finden, weil das ist ein ganz komplexes Zusammenspiel zwischen Psyche, zwischen Kopf und Selbstverständnis in mir, immer so, ja auch der starke Mann gewesen, der dann auch das alles konnte und auch immer sehr viel Freude an Sexualität hatte und das ist auch so im Alltag ein bisschen zurück und nicht ein bisschen, sondern viel zurückgegangen, so der Gedanke, der Tageswunsch nach Sexualität, so nach dem Motto, jetzt habe ich aber Bock, jetzt hätte ich aber Bock, das ist auch nicht mehr so oft wie vorher, was glaube ich, aber auch normal ist durch meine Behandlung und durch meine Krankheit, da ist sie wieder, aber ich denke trotzdem, dass es da einen Weg gibt mit beidem. Und den Weg finde ich, den werde ich finden. Vielleicht verlaufe ich mich mal, aber ich, trotzdem, ich werde den finden und es kann ja nichts passieren. Das maximale was passieren kann, dass es nicht klappt. Aber das glaube ich nicht. Ich glaube da schon dran, dass es klappt.

Lars [00:13:50] Sehr gut. Ich merke, Sie haben einen sehr, sehr offenen Umgang, aber sind Sie dann auch direkt zu Ihrem Arbeitgeber gegangen und haben gesagt, so sieht es aus?

Wierich [00:13:59] Ja genau, ich habe das meinem Arbeitgeber mitgeteilt, auch meinen Arbeitskollegen. Zur damaligen Zeit habe ich noch in einem kleineren Büroverbund gearbeitet mit zwei, drei Mitarbeitern, habe das dann auch direkt meinen Kollegen erzählt, habe es auch meiner Familie sofort erzählt, was ein bisschen, in Anführungszeichen, schwierig war, meinen Kindern das zu sagen. Das war schwer, weil ich hatte meine Kinder, ja bestellt, will ich gar nicht mal sagen, sondern sie waren dann bei mir und die leben logischerweise nicht bei mir. Und als ich dann, wir standen in der Küche, ich habe das Bild noch vor Augen, wir standen bei mir in der Küche und habe das dann meinen Kindern auch gesagt. Und meine Tochter, die hatte schon auch direkt die Emotionen mit dabei, so wie ich auch jetzt. Ich denke, man merkt es auch an meiner Stimme, weil dann auch logischerweise bei der das Wort Krebs mit allem was dazu gehört hängen blieb und die erste Frage war, Papa stirbst du jetzt. Ja, das war hart, das war wirklich hart und ich habe es ihr dann aber auch erklärt, so wie es mir erklärt wurde von den Ärzten, also sowohl meinem Hausarzt, meinem Schwager als auch von meiner Urologin, habe auch die Perspektiven und die Möglichkeiten genannt, die wir da haben und auch dann haben die beiden, also auch mein Sohn, nach dem anfänglichen Schreck auch relativ schnell Mut gefasst und auch meinen Optimismus dann mit übernommen, den ich da auch schon hatte, obwohl ich ja auch noch nicht wusste, ob das anschlägt, wie das alles anschlägt, wie sich das weiter verhält. Ich habe das auch für mich relativ schnell eingeordnet und ich meine, ich glaube meine Kinder auch. Ich glaube schon, dass sie das zum großen Teil von mir übernommen haben.

Lars [00:15:40] Ist das so eine Typsache? Sie haben einen sehr positiven Umgang damit.

Wierich [00:15:44] Ja, ja, ich glaube, es ist eine Typsache. Es ist auch bei anderen Dingen in meinem Leben so gewesen. Ich denke, jeder Mensch hat in seinem Leben Phasen und Dinge, die jetzt, objektiv genannt, nicht schön sind, als Problem bezeichnet, was auch immer, die habe ich natürlich auch, aber ich glaube, ich bin in der Lage, diese Probleme einzuordnen und seinen Platz zu geben. Und für mich ist es immer ganz wichtig, dass ich die Probleme, die ich habe, die habe ich jetzt, die hatte ich früher, die werde ich in der Zukunft haben, dass ich die versuche, auch zu sortieren, ähnlich wie einen Kleiderschrank, wo ich weiß, okay, das tue ich da rein, das tue ich da rein, das tue ich da rein und wenn ich was brauche und wenn ich was machen muss, dann hole ich das raus. Und im Zentrum des ganzen stehe ich. Und für mich war ganz wichtig, dass ich mich natürlich in erster Linie schon an den ärztlichen Rat komplett halten möchte, den ich da von meiner Urologin bekommen habe, aber auf der anderen Seite wollte ich einfach nicht, dass diese Krebserkrankung in das Zentrum meines täglichen Tuns gerät. Ich wollte das versuchen, mitzunehmen in mein Tagesgeschehen oder in mein Wochen- oder Monatsgeschehen. Also es gibt wirklich mittlerweile Wochen, fast schon Monate will ich sagen, wo ich da überhaupt gar nicht dran denke, weil es mich dann auch gerade nicht beschäftigt und Sie fragten eben Lars auch, dass ich nie krank gefeiert habe, das habe ich bis heute nicht.

Lars [00:17:05] Keine Arbeitsunfähigkeit, das ist doch Wahnsinn.

Wierich [00:17:07] Nein, nein, gar nicht. Ja, es ist auch verrückt, ich habe Krebs, aber ich fühle mich nicht krank und das ist für mich ein entscheidender Punkt. Ich fühle mich nicht krank.

Lars [00:17:19] Ich ziehe da absolut meinen Hut vor dieser positiven Einstellung und ich freue mich natürlich auch, dass diese Erkrankung da überhaupt nicht in Ihr Berufsleben reingegrätscht hat und das ist mit Sicherheit eine große Inspiration für viele Betroffene. Aber man muss sagen, tatsächlich ist das nämlich gar nicht so selbstverständlich, denn Krebs ist der dritthäufigste Auslöser für Berufsunfähigkeit, 16,1 % aller Berufsunfähigen leiden unter einer Form von Krebs, die durchschnittliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit betrug laut einer Studie von 2018 bei Männern ungefähr 27 Tage und bei Frauen 39 Tage und bei einer dauerhaften Arbeitsunfähigkeit besteht die Möglichkeit, und das muss man auch sagen, einer Erwerbsminderungsrente. Jetzt ist meine Frage, Wierich, wie gründlich wurden Sie denn damals über diese Möglichkeiten und Rechte aufgeklärt, vor allem von wem?

Wierich [00:18:11] Meinen Sie jetzt die Möglichkeiten der finanziellen…

Lars [00:18:15] Finanzielle, zum Beispiel das Finanzielle.

Wierich [00:18:18] Gar nicht. Also da wurde ich von niemandem im Grunde darüber aufgeklärt. Was ich da eigentlich auch rückblickend vermisse. Ich wurde bis zum heutigen Tag nicht ein einziges Mal von meiner Krankenkasse darauf angesprochen. Ich meine, es sind ja die ersten, die das sehen, was ich habe, weil die ja schließlich den ganzen Kram bezahlen, der behandlungstechnisch ansteht und das finde ich schon ein bisschen ulkig, zeigt aber auf der anderen Seite, glaube ich, auch diesen puren Verwaltungsapparat, ich glaube nicht, dass bei einer Krankenkasse es überhaupt auch nur einen Menschen gibt, das ist jetzt ein bisschen krass, wie ich es formuliere, aber ich sage es trotzdem mal, ich glaube nicht, dass es bei der Krankenkasse einen Menschen gibt, jedenfalls bei meiner jetzt, der sich dann da Sorgen macht oder der da sitzt und guckt, Mensch, wer hat wo was, wo könnten wir vielleicht Prävention anbieten, Begleitung anbieten, wie auch immer und ich kann mir wirklich vorstellen, dass es Menschen gibt, die vielleicht auch nicht so ein intaktes soziales Umfeld haben wie ich, die vielleicht sogar ganz alleine sind, die dankbar wären über vielerlei, vielerlei Hilfsangebote, die es da gibt. Also da hat mir überhaupt nie einer dazu etwas gesagt.

Lars [00:19:26] Und wie haben Sie es dann gemacht? Wo sind Sie hingegangen?

Wierich [00:19:29] In welcher Hinsicht?

Lars [00:19:30] Wo haben Sie sich aufklären lassen? Wer hat Ihnen Informationen gegeben? War es eine Selbsthilfegruppe, das Internet, ein Arzt?

Wierich [00:19:35] Gar nichts. Das einzige, was mich interessiert hat oder wenn mich was interessiert hat, dann habe ich es gegoogelt. Dann habe ich einfach mal geschaut, aber eigentlich auch mit minderem Interesse. Ich habe einfach mal, sicherlich habe ich mal gegoogelt, ist es möglich mit Prostatakrebs zum Beispiel Pflegegeld zu beantragen oder eine Art Verrentung zu beantragen. Das habe ich aber rein aus finanziellem Interesse gemacht, nicht weil ich eine Notwendigkeit sah. Ich habe es auch nie gestellt, ich habe es auch überhaupt gar nicht vor, weil ich, wie gesagt, mich auch in keinster Weise krank fühle. Das fand ich aber auch jetzt bei meiner Ärztin zum Beispiel sehr gut, dass sie mit mir darüber nicht gesprochen hat, weil ich glaube, das ist aber auch nur eine Vermutung, dass sie mich da schon als Typen recht gut eingeschätzt hat und bei mir auch die Notwendigkeit nicht sah, über diese Dinge zu reden. Also ich fühle mich bei ihr wirklich wunderbar aufgehoben und ich glaube, dass sie es aus dem Grund auch nicht getan hat. Und das Einzige, was man in dem Zusammenhang vielleicht noch nennen sollte, ich habe letztes Jahr eine Strahlentherapie gemacht, als Prävention allerdings auch auf Anraten meiner Urologin. Sie sagte, dass das eben oft in dieser Therapiekombination gemacht wird, dass aber keine zeitliche Notwendigkeit bestünde und es war dann letztes Jahr, da waren wir auch gerade in irgendeinem Lockdown, ich weiß nicht der wievielte, da habe ich sie noch mal angesprochen, ich sagte, Mensch Frau Doktor, Sie sagten doch mal, ich soll mal irgendwann präventiv so eine Strahlentherapie machen. Dann sagt sie ja. Dann sage ich, dann kann ich die nicht jetzt direkt machen, weil es ist eh Lockdown, jetzt kann ich nicht in den Urlaub fahren, kann eh nicht viel machen, dann kann ich das auch vielleicht machen. Dann sagt sie ja, dann machen wir das jetzt und dann habe ich das letztes Jahr im Frühjahr gemacht. Habe das dann so 37 Einheiten gemacht. Das war auch gar nicht mal weit weg von mir hier, ich war in den zehn Minuten mit Auto da und das passte auch ganz wunderbar in meinen Berufsalltag. Also ich habe das dann auch immer…

Lars [00:21:22] Das heißt, man ist dann jeden Tag, Sie sind dann ambulant dorthin gefahren?

Wierich [00:21:26] Ganz genau, ganz genau. Ich bin ambulant dort hingefahren und habe mich dann halt eben da bestrahlen lassen. Und da muss ich sagen, da habe ich auch einen Arzt kennengelernt, diesen Strahlenarzt, der sehr akribisch vorgegangen ist. Der mich auch sehr, sehr intensiv und gut aufgeklärt hat im Vorfeld über die Nebenwirkungen, aber auch über die Art dessen, was da gemacht wird, hat mir das auch vernünftig erklärt, vor allen Dingen, dass ich es auch verstanden habe, das war wichtig und auch diese Art, der hat dann nach Beendigung der Strahlentherapie gesagt, so, hier liegt ja der Antrag für Sie für eine Reha, für eine Kur sozusagen, das, was man im Volksmund unter Kur kennt, Sie wollen doch bestimmt in Kur fahren. Da war ich fast schon geschockt, ich habe direkt gesagt, ich fahre nicht in Kur, warum soll ich denn in Kur fahren, weil da habe ich dann…

Lars [00:22:09] Wovon wollen Sie sich jetzt erholen?

Wierich [00:22:12] Nein, das nicht, weil ich habe es schon ein bisschen gemerkt, dass das mit der Strahlentherapie, aber es ist jetzt nicht so, dass mich das so aus den Socken gehauen hat, dass ich nichts mehr tun konnte, das nicht. Aber ich habe für mich dann gedacht, wenn ich jetzt in eine Kur fahre, in eine stationäre Reha fahre, dass ich dort mit unheimlich vielen Krebskranken zusammen bin und ich glaube, ich glaubte zu wissen, dass ich dann sicherlich viele Menschen kennengelernt hätte, denen es viel, viel schlechter gegangen wäre als mir und ich glaube das hätte mich vielleicht dann nachdenklich gemacht, negativ beeinflusst. Also wenn ich nur unter, in Anführungszeichen, Kranken gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht auch kranker gefühlt und das wollte ich auch gar nicht.

Lars [00:22:53] Deswegen haben Sie es nicht gemacht?

Wierich [00:22:54] Deswegen und weil ich die Notwendigkeit nicht sah, also für mich nicht gefühlt habe. Ich glaube, wenn ich, sagen wir mal, gefühlt hätte, dass ich jetzt, wenn ich so geschlaucht gewesen wäre oder auch nervlich, diese Auszeit gebraucht hätte, diese Regeneration gebraucht hätte, dann hätte ich es auch getan, nach sicherlich allerdings auch noch mal Rücksprache mit meinen Ärzten, vornehmlich mit meiner Urologin, aber das war für mich gar keine ernsthafte Option. Nein, gar nicht.

Lars [00:23:22] Also man kann quasi, ich fasse mal kurz zusammen, also je nach Schwere der Situation kann eine knappe Aufklärung ausreichen, aber in vielen Fällen wünschen sich Betroffene aber eher gebündelte aktuelle und konkrete Informationen und dazu haben einige Kliniken einen Sozialdienst, der genau dafür zuständig ist. Ansonsten kann man sich mittlerweile aber auch ganz gut über den Krebsinformationsdienst, aber auch über den Krebsratgeber informieren und bei Detailfragen also noch viel, viel komplizierteren Kisten können Fachleute des Arbeitsrechts befragt werden, denn generell gilt und das darf man nicht vergessen, viele wissen das vielleicht auch gar nicht, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bekommen in der Regel zunächst sechs Wochen lang ihren Lohn weiterbezahlt, wenn der Arzt sie krankschreibt. Anschließend erhalten Sie Krankengeld von der Krankenkasse. Und nimmt man dann die Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber und das Krankengeld zusammen, ist man bis zu 78 Wochen finanziell erstmal abgesichert und das nimmt einem erstmal ganz, ganz große Angst.

Lars [00:24:23] Wierich, Sie sagten, dass Sie zu keinem Zeitpunkt arbeitsunfähig waren. Also die Kur wurde ja angeboten, aber unter welchen Bedingungen arbeiten Sie denn aktuell und wie finden Sie sich zurecht? Also mit Ihrer Krankheit im Arbeitsleben?

Wierich [00:24:38] Ich arbeite im Prinzip genauso wie vorher, wie ohne die Krankheit. Das Einzige, was ich eben komplett geändert habe, ist, dass ich komplett ins Homeoffice gewechselt bin. Also ich habe vorher, habe ich es mal so fifty-fifty vielleicht gemacht. Also ich habe auch schon vor Corona einiges im Homeoffice gemacht, das hat sich vielleicht strukturell dahingehend so ein bisschen verändert, dass ich die Bürogemeinschaft, die ich da hatte, die habe ich verlassen, die hätte ich aber auch verlassen ohne Krebserkrankung. Das ist sicherlich bei mir im Beruf auch gut möglich, muss ich jetzt fairerweise dazusagen, weil ich ausschließlich im Homeoffice arbeite. Und ich finde das auch eine ganz wunderbare Geschichte. Das hat mich aber nicht ernsthaft wirklich beeinträchtigt, lediglich die weiteren Wege, weil ich habe noch so einiges vor in meinem Beruf, sprechen wir vielleicht auch gleich noch mal drüber, lediglich die Wege dahin, die haben sich jetzt so ein bisschen verändert, aber nicht der Inhalt selber. Also ich sehe da bis zum heutigen Tag überhaupt keine Benachteiligung für mich, ich habe da…

Lars [00:25:45] Mit COVID-19, Corona, hat Corona irgendwelche Auswirkungen gehabt? Also wenn Sie sagen, okay, ich habe in der Bürogemeinschaft gearbeitet und auch schon Homeoffice und jetzt sind Sie auch, so höre ich es raus, sehr gerne auch im Homeoffice und wie war das mit Corona oder wie ist es mit Corona?

Wierich [00:26:01] Corona hat mich echt genervt. Also ich hatte auf der einen Seite, muss ich auch sagen, sehr große Angst, mich mit Corona zu infizieren, viel mehr Angst, als dass meine Krebserkrankung schlimmer wird und habe dann auch wirklich ganz gierig meinen Impfterminen entgegengesehen. Corona hat mir einiges genommen, was ich gerne getan habe. Ich bin also trotz Krebserkrankung vorher noch einmal die Woche Fußball spielen gegangen, immer mittwochs abends in der Halle habe ich so eine ganz nette Truppe, teilweise spiele ich schon seit 40 Jahren mit denen zusammen, also ehemalige Mitschüler, mittlerweile ist auch unsere zweite Generation dabei, sprich unsere Söhne und ganz, ganz tolle Truppe, das habe ich sehr gerne gemacht, bin auch regelmäßig zweimal die Woche zum Kieser-Rückentraining gegangen. All das mache ich nicht mehr, es fehlt mir. Es fehlt mir wirklich. Und habe dann leider auch im Zuge der mangelnden Bewegung echt viel zugenommen. Also ich habe immer so meine 80, 85 kg gehabt und als ich dann vor einem halben Jahr, war ich mal zur Kontrollgebung, da haben wir noch mal so eine Bildgebung gemacht beim Radiologen, da musste ich ja vorher auf die Waage klettern, ich habe zu Hause gar keine, und da habe ich gedacht, die sei kaputt, die ist dann auf einmal bei über 100 angeschlagen. Und ja, das fand ich jetzt nicht so prickelnd. Ich merkte das natürlich schon, war mir eine Zeit lang auch egal, aber das wollte ich dann auch nicht mehr. Und ich habe jetzt angefangen seit ein paar Wochen oder Monaten, ein bisschen meine Ernährung runterzuschrauben, ein bisschen was zu ändern und will da jetzt sukzessive schon wieder in einigermaßen erträgliches Gewicht kommen und auch ein bisschen Sport wieder treiben. Ich habe mir jetzt ein Fahrrad gekauft und wollte jetzt zumindest mal so ein bisschen Fahrrad fahren. Und wenn es mal einigermaßen wieder läuft mit schwimmen, zumindest einmal die Woche schwimmen gehen, das habe ich früher auch regelmäßig gemacht. Das fehlt mir. Oder letzte Woche habe ich mich einmal belohnt, seit anderthalb Jahren war ich mal wieder im Stadion, bin leidenschaftlicher und leidgeprüfter MSV Duisburg Fan und das fand ich auch ganz toll. Das sind Sachen. Das war zwar die größte Grütze, die ich da gesehen habe, aber es ist einfach so das Erlebnis, das Erlebnis einfach, das hat mir schon gefehlt. Aber noch mal, das war ja nicht wegen meiner Krankheit, sondern das war wegen Corona. Also die Coronamaßnahmen haben mich mehr eingeschränkt.

Lars [00:28:24] Jetzt interessiert mich Wierich, woher nehmen Sie diese ganze Zuversicht, dieses positive Denken und dass das nach vorne? Woher kommt das?

Wierich [00:28:31] Das ist, glaube ich, ein bisschen auch meinem Naturell geschuldet. Ich habe also seit vielen, vielen Jahren für mich die Erkenntnis, auch durch Lebensereignisse, durch Lebenserfahrung gewonnen, dass ich die Vergangenheit ohnehin nicht ändern kann. Wir sagen gerne oder ich sage gerne, „über vergossene Milch brauche ich nicht reden“, sondern ich schaue wirklich einfach und ausschließlich da nach vorne und ich beschäftige mich auch nicht mit Sachen aus der Vergangenheit, nach dem Motto, „wenn ich jetzt die Zeit noch mal zurückdrehen könnte, was würdest du anders tun“, das hat eigentlich keinen Platz in meinem Kopf. Ich mache das so, dass ich versuche, Probleme, die da sind, dann zu lösen, wenn sie akut anstehen, wenn sie anstehen, und lass das nicht alles zeitgleich zu mir rein. Auch bei mir gab es mal Phasen in meinem Leben, wo ich dann versuchte, mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen, das klappt nicht und bei mir hat es jedenfalls nicht geklappt, sondern habe versucht jedem Problemchen seine Schublade, seinen Platz zu geben und das bei Bedarf rauszuholen oder wieder reinzustecken. Und es gibt, ich weiß gar nicht von wem, aber es gab mal so ein Zitat, „wer das Schlechte nie erlebt hat, weiß das Schöne nicht zu schätzen“. Und obwohl ich jetzt krebskrank bin, habe ich aber sehr, sehr, sehr viele schöne Dinge in meinem Leben, auch schon Spezielles in den letzten zwei Jahren gehabt. Ich hatte jetzt im Juni einen fantastischen dreiwöchigen Urlaub auf Korfu. Ich freue mich jetzt wie wahnsinnig auf November, weil ich dann drei Wochen auf Fuerteventura bin, jeweils mit meiner Partnerin. Das sind so Highlights, die ich richtig aufsauge, die ich richtig genieße. Das passt auch immer gut in meinen, in meine Therapie da. Und ja, das ist auch ein Stück weit Naturell. Also man kriegt das ja auch nicht auf Knopfdruck rein. Ich kann ja nicht sagen, so, ab heute bin ich optimistisch oder ab heute bin ich gut drauf. Das ist sehr individuell. Es gibt da leider keinen Leitfaden für, wo man sagt, macht das so, macht das so, macht das so, dann bist du gut drauf, sondern das ist sicherlich einerseits eine Frage des Individuums, aber andererseits auch ja, er lernt das Leben, glaube ich.

Lars [00:30:46] Das sind jetzt ganz viele private Geschichten. Wie geht es beruflich weiter jetzt?

Wierich [00:30:50] Beruflich geht es erstmal so weiter, dass ich ganz normal noch in diesem Beruf weiterarbeite. Also ich bin Angestellter, ich bin jetzt kein freier Mitarbeiter, ich bin normaler kaufmännischer Angestellter und ich arbeite im Moment daran, dass ich zusätzlich dazu noch eine Art Beratungsangebot machen werde, ebenfalls auch für Telefonberater, Telefonverkäufer im Bereich des Coachings. Ich habe früher schon mal so etwas gemacht. Das habe ich allerdings gemacht, nicht im dialogen, sondern schon im analogen Bereich und das mache ich jetzt, in Zukunft werde ich das im Dialogbereich machen. Die Technik, auch das, was alles so geht mittlerweile über Internet, sei es Skype oder ähnliche Formen, sind da ja wunderbare Hilfen. Da biete ich an, weil ich weiß es auch von dem eigenen Unternehmen, aber auch von vielen anderen, ich kenne auch sehr viele Menschen aus dem Bereich, dass da unheimlich große Schwächen sind. Und jetzt gibt es ja die althergebrachten Dinge wie Verkaufsseminare, ganz, ganz tolle Verkaufsbücher, Bestseller, „wie werde ich zum Millionär“, ich halte von dem ganzen Kram nichts, ich habe da immer Learning by Doing praktiziert und auch so weitergegeben, vor allen Dingen selber auch durch vormachen, das heißt in diese Richtung gehe ich gerade, da mache ich in Zukunft ein bisschen was. Und ja, ich wollte einfach auch noch einen kleineren Rahmen, zwei, drei Mitarbeiter für mich mit anbinden, einbinden, weil ich da noch so ein, zwei Sparten aufbauen möchte im Bereich der Absicherung, einmal im Bereich der Tierabsicherungen, ist ein ganz spannendes Thema, wo ich mich aber gar nicht großartig mit beschäftigen will, weil ich da auch nicht zu viel machen will, sondern ich bleibe bei meiner Gesundheitsabsicherung für den Menschen. Und das Ganze ist eben auch kombinierbar, dass es wirklich völlig egal ist, von wo ich es mache, weil so ein weiteres Ziel von uns ist, auch mal temporär, damit meine ich so jeweils drei Monate am Stück auf Korfu respektive drei Monate am Stück auf Fuerteventura zu leben und das dann auch von dort zu betreiben.

Lars [00:32:54] Das heißt, Sie testen das gerade jetzt mal die nächsten drei Wochen, die da kommen, ist quasi auch so ein bisschen so ein Testlauf?

Wierich [00:33:00] Ja, so ein kleiner Testlauf, bin aber auch überhaupt nicht, bin da in gar keinem Zeitfenster. Also ich lass das da auf mich zukommen, weil so vom groben Plan her ist es halt so, dass ich jetzt nicht hier noch mein Leben lang da unbedingt bis 70 oder so arbeiten möchte, obwohl ich sehr gerne arbeite, mir macht die Arbeit sehr viel Spaß, ich verkaufe unheimlich gerne, ich bin unheimlich gerne im Dialog mit Menschen, am Telefon aber lieber als im tatsächlichen Dialog. Mir macht das einfach auch sehr viel Spaß und mir macht das auch Spaß, hin und wieder das auch so weiterzugeben und wenn ich damit dann auch noch zusätzlich Geld verdienen kann, umso besser.

Lars [00:33:39] Wierich, ich danke Ihnen ganz, ganz herzlich für diese wertvollen Einblicke in Ihr Berufsleben nach der Diagnose Prostatakrebs. Und Ihr Beispiel zeigt ausgezeichnet, dass eine Krebserkrankung nicht automatisch ein Karriereende oder einen sozialen Abstieg bedeuten muss. Man muss natürlich dazu sagen, dass Sie im Vergleich zu anderen Betroffenen gewissermaßen auch viel Glück hatten, gut beraten, gut aufgefangen, gutes Umfeld, aber dennoch konnten wir nach diesem Gespräch mit Ihnen eine Menge mitnehmen, und zwar:
A. Transparenz gegenüber Arbeitgeber und Kollegen kann ganz viel erleichtern, weil die Reaktionen meistens verständnisvoll sind.
B. Bei Therapiestrapazen kann in vielen Fällen eine Kur wahrgenommen werden, ob man sie dann annimmt oder nicht, ist einem selbst überlassen, aber sie kann helfen, wieder auf die Beine zu kommen, schnell auf die Beine zu kommen.
C. Es gibt Anlaufstellen, an denen man sich über finanzielle und soziale Belange bei Krebs informieren kann. Und Sie sind in jedem Fall nicht allein damit.
D. Eine Wiederaufnahme der Berufstätigkeit ist in vielen Fällen möglich und kann zum Beispiel per Wiedereingliederung, sechs Wochen, Homeoffice angeboten oder eine Anpassung der Arbeitszeit, also sprich Teilzeit, erfolgen. Umschulungsangebote können ebenfalls wahrgenommen werden, also es gibt da eine ganze, ganze Bandbreite an Möglichkeiten.

Wierich [00:35:04] Ja, vielleicht Lars eine Sache noch mal zum Thema Transparenz. Also für mich, für mich persönlich, war es auch ganz wichtig, da so offen mit umzugehen mit der Transparenz und diese Normalität auch weiter zu vermitteln, weil sie mir dann auch im Spiegelbild nicht zurückgebracht wird. Also je mehr Menschen aus meinem Umfeld das wissen, umso leichter ist für mich auch der tagtägliche Umgang damit. Also es sind auch zum Beispiel ganz praktische Beispiele, zum Beispiel, dass wenn ich morgens beispielsweise öfter zur Toilette muss als vorher, dann weiß auch jeder, warum oder wenn ich einfach mal zum Arzt muss, dann weiß auch jeder warum, und ich muss mich nicht jedes Mal aufs Neue erklären. Und je mehr Normalität, und damit meine ich auch den Menschen aus meinem Umfeld, wo es wichtig ist, denen das mitzuteilen, was ich habe, je mehr Normalität da ist, umso mehr Normalität hat es auch im Gesamtkontext mit dem im Zusammenleben mit den anderen Menschen. Ich muss da, wie gesagt, kein Geheimnis machen, ich muss auch nicht überlegen, wem habe ich es gesagt, wem habe ich es nicht gesagt, sondern es ist für mich so, jeder weiß es, der es wissen muss oder der es nicht wissen muss, ist auch egal. Und ich muss mir da nicht auch noch überlegen, boah, wem hast du jetzt was erzählt, sondern für mich ist es ganz, ganz wichtig damit ganz offen mit umzugehen, zu sagen, ja, ich habe das, aber mir geht es gut, ja, und ich glaube auch, mir geht es weiter gut. Auf alles andere habe ich nicht so viel Einfluss, das zeigt die Zukunft, aber jetzt, Stand heute, geht es mir gut und es ist so und du weißt das und wir schauen weiter zusammen in die Zukunft. Das ist für mich ganz, ganz wichtig. Es gibt ein Morgen, es ist ja nicht so, dass, weil ich jetzt Krebs habe, es keinen Morgen mehr gibt, sondern es geht ja alles schön, Gott sei Dank, weiter.

Lars [00:36:47] Ein sehr schönes Schlusswort, Wierich. Ich danke Ihnen ganz, ganz herzlich für das Gespräch mit Ihnen und verabschiede mich von Ihnen sowie von unseren Zuhörern und Zuhörerinnen. Ich bin schon sehr gespannt auf unsere nächste Folge und freue mich, wenn Sie wieder einschalten. Bis zum nächsten Mal machen. Machen Sie es gut.

Wierich [00:37:01] Ja, Lars, vielen, vielen Dank. Das hat mir viel Spaß gemacht. Ja, auch so und dann bis zum nächsten Mal.

Lars [00:37:06] Bis bald. Tschüss, machen Sie es gut.

Wierich [00:37:08] Bis bald. Tschüss, tschüss.

Lars [00:37:11] Wir freuen uns auf Anregungen, Ideen oder Themenvorschläge für „Mein Krebsratgeber zum Hören“. Oder möchten Sie Ihre Geschichte mit uns teilen? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail. Im Beschreibungstext finden Sie alle weiteren Informationen und Adressen.

Referenzen

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Onko Internetportal: Professionelle psychologische Betreuung bei einer Krebserkrankung (Stand: 23.08.2018). Abrufbar unter: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebs-und-psyche/professionelle-psychologische-betreuung-bei-einer-krebserkrankung.html. Letzter Zugriff am 17.12.2019
Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland, Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert Koch-Institut für 2017/2018, Robert Koch-Institut (Hrsg). Berlin, 2021. Abrufbar unter: https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/kid_2021/krebs_in_deutschland_2021.pdf?__blob=publicationFile. Letzter Zugriff am 15.07.2022
Leitlinienprogramm Onkologie (AWMF, Deutsche Krebsgesellschaft e. V., Stiftung Deutsche Krebshilfe): Patientenleitlinie – Psychoonkologie, Psychosoziale Unterstützung für Krebspatienten und Angehörige. Berlin, 2016. Abrufbar unter https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/032-051OL.html. Letzter Zugriff am 17.12.2019
Schulz H et al.: Psychoonkologische Versorgung in Deutschland: Bundesweite Bestandsaufnahme und Analyse, Wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (2018). Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (Hrsg). Abrufbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Gesundheit/Berichte/PsoViD_Gutachten_BMG_19_02_14_gender.pdf. Letzter Zugriff am 17.12.2019
Starostzik C: Depressionen, Mythos Krebsrisiko? Ärzte Zeitung Online (Hrsg). Veröffentlicht am: 04.11.2013. Abrufbar unter: https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Mythos-Krebsrisiko-268337.html. Letzter Zugriff am 17.12.2019.
Deutsches Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft (dkfz): Psychische Einflüsse auf die Krebsentstehung. Gibt es die Krebspersönlichkeit? Macht Unglück krank? (Stand: 02.10.2019). Abrufbar unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/vorbeugung/risiken/psyche-und-krebsrisiko.php#inhalt3. Letzter Zugriff am 17.12.2019.
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