Transkript Folge 13: Der Weg zum Traumberuf - bei MS

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Transkript Folge 13:
Der Weg zum Traumberuf – bei MS

Gliederung der Podcastfolge:

Herzlich Willkommen, Alice! Vorstellung und Einführung in das Thema: Den Traumberuf finden bei MS und wie man es schafft, positiv und optimistisch zu bleiben.

Angy [00:00:00] Herzlich willkommen zu „Sprich’s aus! Bei MS“. Mein Name ist Angy Caspar und gemeinsam mit meinen Gästen sprechen wir in diesem Podcast über die Krankheit der 1000 Gesichter. Hör rein, wenn du mehr über ihre inspirierenden Geschichten und Erfahrungen zu dem Umgang mit der Erkrankung im Alltag erfahren möchtest. Denn bei MS kann man eine Menge machen. Viel Freude beim Zuhören.

Angy [00:00:32] Herzlich willkommen zu unserer neuen Folge von „Sprich’s aus! Bei MS“. Ich freue mich, dass ihr wieder dabei seid. In diesem Podcast sprechen wir über Themen rund um Multiple Sklerose, tauschen Erfahrung aus und geben Tipps für das Leben mit MS. Heute spreche ich mit Alice darüber, wie die MS sie zu ihrem heutigen Beruf als Yogalehrerin gebracht hat und wie sie es geschafft hat, positiv und optimistisch zu bleiben. Ja, jetzt ist sie auch schon da. Herzlich willkommen, liebe Alice.

Alice [00:01:01] Hi Angy! Schön, dass ich hier sein kann.

Angy [00:01:02] Ich freue mich auch sehr. Und ja, wir zwei sprechen heute darüber, wie du zu deinem Traumberuf gekommen bist – und das nicht trotz, sondern wegen der MS. Stell dich doch bitte mal kurz vor.

Alice [00:01:14] Ja, sehr gerne. Ich bin Alice. Ich bin noch 30, nicht mehr lange, noch einen Monat knapp. Ich bin von Beruf Yogalehrerin. Das war nicht immer so, aber das war eine interessante Reise bis dahin. Ich wohne mit meinem Freund zusammen und zwei Katzen. Und ja, die MS, die Diagnose habe ich schon ein bisschen länger. Die offizielle Diagnose in Schriftform hatte ich 2017 bekommen, aber die ersten Symptome fingen 2007 an.

Der lange Weg zur Diagnose. Warum es so lange gedauert hat, bis Alice die Diagnose MS gestellt wurde.

Angy [00:01:44] Da geht es auch schon direkt in meine erste Frage über. Genau, du hast gerade erzählt, dass 2017 die Diagnose gestellt wurde. Was waren denn die Gründe, weshalb es so lange gedauert hat, bis die Diagnose letztendlich gestellt wurde?

Alice [00:01:59] Das habe ich mich auch ganz lange gefragt. Ich gehe zum einen davon aus, weil 2007, als es das erste Mal im Raum stand, war ich 16 und ich gehe davon aus, aus der Erfahrung auch mit anderen Leuten, mit denen ich gesprochen habe, dass man MS gar nicht so gerne diagnostizieren möchte, dass man eher sagt: „Okay, es ist vielleicht die Pubertät oder es ist Wetterfühligkeit, wenn man Probleme mit dem Gleichgewicht hat oder einem schwindelig wird.“ Und ja, 2006 oder 2007 bin ich im Krankenhaus gelandet, da ich morgens aufgestanden bin – mein Vater hatte mich damals geweckt für die Schule – und ich habe gesagt: „Mir ist nicht gut, mir ist schwindelig“, und dann meinte er: „Bleib noch ein bisschen liegen“. Und er kam dann noch zwei, drei Mal und dann hat er gesagt: „Du müsstest jetzt aufstehen für die Schule“. Und dann bin ich aufgestanden und bin auf die Knie gefallen und konnte schon nicht mehr gehen. Und dann bin ich auf allen Vieren – also mein Elternhaus hat eine Galerie und da war ich oben gewesen – da bin ich auf allen Vieren zum Geländer und habe nur noch gerufen, weil mein Sichtfeld hat sich bewegt wie in einer Schreibmaschine. Das ist von links nach rechts und dann ruckartig nochmal in die andere Richtung. Und ich habe mich gefühlt, wenn ich gegangen bin, als ob ich auf einem Kreisel stehen würde – einem Kreisel auf einem Schiff. Also es hat sich nicht nur links und rechts bewegt, sondern auch, als ob ich mich komplett in mir selbst drehen würde. Ja, und dann sind wir damals zum Hausarzt gegangen und da bin ich komplett zuckend weg gedriftet. Dann hat er nur gesagt: „Ab ins Krankenhaus, direkt in Neurologie, das könnte was ernstes sein.“ Und dann haben sie mir damals Blut abgenommen und dann weiß ich noch, als ich aus dem Arztzimmer zurückgekommen bin, hat die Ärztin nur gemeint: „Ja, es könnte MS sein.“ Und als ich reingekommen bin, hat natürlich keiner mehr irgendwas gesagt, sondern: „Ah ja es ist wahrscheinlich eher so ein bisschen Wetterfühligkeit“. Und das kam mir schon sehr seltsam vor, warum man es mir dann nicht sagt. Ich meine, mit 16 könnte man so was schon mal vertragen, sage ich mal. Und dann habe ich aber mit 16 im Krankenhaus die Windpocken bekommen und das hat man halt auch in diesem Rückenmarkswasser gesehen, dass da eine Entzündung ist. Und die Ärzte sagten halt: „Ach, das ist von den Windpocken, weil die ähnliche Symptome machen“ – also auch von diesen Entzündungswerten im Rückenmarkswasser. Ich habe der Sache aber irgendwie nicht getraut und war seitdem immer jedes Jahr und irgendwann halbjährlich im MRT, weil ich immer wieder, wenn es gerade warm wurde, Probleme hatte mit dem Gleichgewicht. Ich war grün und blau an den Hüftknochen, weil ich dauernd die Türrahmen mitgenommen habe. Und ich fahr eigentlich seit ich 16 bin Motorrad – das ging auch nicht mehr. Ich konnte nicht mehr richtig stehen oder irgendwas halten. Ja, das war ziemlich schwierig, wenn man so jung ist und gerade die Familie einem nicht glaubt und sagt „Du überdramatisiert das“ und „Ach, da ist nix und du bist ein bisschen fein und empfindlich“. Und ich dachte so: „Ja, nee, ich habe auch Kampfsport gemacht zu der Zeit. Ich bin nicht empfindlich.“ Ja, und dann war ich über die Jahre hinweg immer im MRT und dann habe ich 2016 innerhalb von einem Jahr vier MRTs gehabt, weil ich gesagt habe: „Irgendwas stimmt nicht“. Ich konnte auf einmal nicht mehr richtig reden. Und dann habe ich so ein Schwindel bekommen, dass ich auch nicht mehr sehen konnte. Ich konnte nicht mehr sagen: Ist die Tür jetzt gerade vor mir oder drei Meter versetzt? Und da hat man noch mal Auffälligkeiten im Kopf gefunden. Und dann war ich, wie gesagt, viermal im MRT und saß dann auch damals in der Ausbildung. Es kam dann ein Brief nach Hause und ich dachte mir so: „Gut, wenn ein Brief kommt von der Neurologie, dann wird ja nichts Schlimmes sein. Vielleicht kriege ich meine Blutwerte oder kriegt den MRT Bericht.“ Und dann stand da drin: „Ja, sehr geehrte Frau Michel, anhand der räumlichen und zeitlichen Untersuchungen bestätigen wir die Diagnose MS.“

Angy [00:05:37] What? Okay, jetzt bin ich grade mal geschockt.

Alice [00:05:39] Richtig. So habe ich auch reagiert, weil ich habe den Brief aufgemacht und ich dachte: „Gut, wenn ich MS habe, dann wird es mir ein Arzt ja sehr wahrscheinlich sagen oder mich zum Gespräch einladen.“ Ja, aber ich bekam einfach einen Brief. Das habe ich lange nicht verdaut.

Angy [00:05:54] Ja, das höre ich jetzt auch in diesem Zusammenhang zum ersten Mal in den ganzen Folgen. Und es schockiert mich. Da weiß ich gar nicht, was ich dazu sagen soll, so eine Diagnose per Brief zu übermitteln. Okay, wie ging es denn dann weiter für dich? Also nach dem Erhalt des Briefes?

Alice [00:06:11] Zuerst war das für mich so, weil in dem Brief auch drin stand „Schub“. Dadurch, dass ich einen Schub hatte, zwei Monate vorher und sie daraufhin dann die Aussage gefußt haben: „Auch mit der erneuten Lumbalpunktion – es ist wirklich MS“, habe ich mir gedacht: „Okay, ich habe nicht mehr gesagt bekommen, dass ich einen Schub habe“, weil meine damalige behandelnde Neurologin zu mir auch gesagt hatte, ich wär ein bisschen empfindlich und dann hab ich gesagt: „Ganz ehrlich, wer geht denn freiwillig zwei, dreimal im Jahr ins MRT und lässt sich eine Lumbalpunktion machen?“ Das ist nichts, was angenehm ist.

Angy [00:06:40] Kannst du vielleicht noch mal kurz erklären, was das ist, Alice, für die, die das nicht wissen? Das wäre super.

Alice [00:06:46] Ja klar. Also eine Lumbalpunktion ist: Man legt sich auf die Seite oder beugt sich nach vorne und dann wird Rückenmarkswasser entnommen, weil man in dem Rückenmarkswasser sieht, ob man Entzündungsherde im zentralen Nervensystem hat, weil die MS ja eine Erkrankung des zentralen Nervensystems ist. Das Problem ist, dann bekommt man eine geschätzt 8 cm lange Nadel in den Rücken rein ohne Betäubung, weil man muss ja aufpassen und der Arzt muss wissen, wo kommt er an den Nerven vorbei, was könnte er beschädigen… und damit er nichts verletzt, wird man halt nicht betäubt – und das ist sehr, sehr unangenehm. Die holen da, ich glaube, einen Milliliter raus oder maximal zwei. Aber um das wieder aufzufüllen, musst du auch unheimlich viel trinken in den nächsten Tagen, weil bis das dann natürlich über die Zellen noch mal im Rückenmarkskanal landet, dauert das. Und deswegen habe ich gesagt: „Welcher Mensch macht sowas freiwillig und lässt sich so eine riesige Nadel in den Rücken reinschieben?“

Angy [00:07:36] Ja und sag mal, hast du dich – also sage ich mal in diesen Jahren zwischen 2007 und 2016– hast du dich dann schon mit der MS beschäftigt?

Alice [00:07:45] Ja, also zwischen den ersten Symptomen 2007 und 2017 – das waren ja zehn Jahre bis zur Diagnose. Andere Leute, habe ich gehört, die haben vielleicht mal so ein Jahr oder zwei dazwischen. Natürlich habe ich mich damit beschäftigt, weil bei uns in der Familie gibt es auch jemanden, der das hat… Und gerade auch Verwandtschaft ersten Grades. Und ich kannte die MS, aber mir hat keiner erklärt, was das ist, weil ich auch rausgefunden habe, dass die Person das selbst gar nicht wusste. Also ich dachte als Kind wirklich, es wäre Muskelschwund – was ganz, ganz viele ja denken. Wenn man sagt „Ah ich habe MS“: „Ah ja, das kenne ich. Ein Bekannter hat auch wenig Muskeln, der macht Krafttraining“… Und ich so: „Ne, ist nicht dasselbe.“ Und natürlich beschäftigt man sich dann damit. Wie kann das Ganze aussehen? Wie kann das weiterlaufen? Man kann das Glück haben, dass man ein Leben lang nur kleinere Probleme mit sich mitträgt und die MS so gesehen, auch wenn neue Schübe kommen, nicht bedeutet „Okay, du bist jetzt im Rollstuhl.“ Das könnte aber auch passieren – das habe ich meinem Freund auch gesagt, dass wenn der nächste Schub „falsch sitzt“, dass ich dann im Rollstuhl sitze. Weil man kann nicht sagen, dass man erst nach dem zehnten Schub im Rollstuhl sitzt. Es kann einer sein, der im Endeffekt fatal ist. Und natürlich macht einem das dann ganz andere Gedanken, wenn man überlegt: „Okay, ich bin jetzt 16…“ Und da fängt ja erst alles an mit Pubertät und welchen Beruf macht man… Und Freunde treffen… Und auf einmal merkst du: Okay – so nach und nach über die Jahre, so mit 20 hat es richtig angefangen – du hast Probleme, aber du verstehst nicht wieso. Bis dann 10 Jahre später die Diagnose kommt und sich vieles für dich erklärt.

Angy [00:09:20] Ja, Wahnsinn, das ist ja echt ein langer Weg. Und du hast ja gerade schon erzählt, dass das mit dem Brief ein großer Schock war, was ich wirklich total nachvollziehen kann. Wie ging es dir denn dann so körperlich und mental?

Alice [00:09:33] Ich habe zu meinem damaligen – also jetzt Ex-Freund – dann auch gesagt: „Ich weiß nicht, ich finde das gerade irgendwie… Es ist ein Schock, aber ich kann es nicht verarbeiten.“ Wir waren da gerade am Umziehen gewesen. Das heißt, die Wohnung war leer. Es ging gerade noch um den Austausch von Schlössern. Ich habe gesagt: „Ich warte hier“, und war dann allein, als ich den Brief aufgemacht habe. Das war halt auch nicht gut. Und dann sind wir später nach Hause gefahren und dann habe ich im Bett gelegen und habe kurz geweint. Da hat er gefragt: „Was ist los?“ Dann habe ich gesagt „Hier“, und hab ihm den Brief in die Hand gedrückt. Das waren so 10 Minuten, dann war es okay und dann habe ich alles verdrängt. Es begann wirklich so ein typisches „Das gibt es nicht, das ist jetzt nicht da. Ich bin immer noch dieselbe. Ich bin immer noch stark und unabhängig und ich schaff das.“ Das habe ich dann ein Jahr gemacht. Weil wir hatten ein Haus gekauft und haben renoviert und da war es mir egal. Ich habe alles gemacht und gesagt: „Nö, nö. Ich kann immer noch. Auch viel Kraftsport gemacht – das passt schon.“ Hat halt nicht gepasst, denn einen Monat später nach der Diagnose kam der nächste Schub.

Die Krankheit akzeptieren. Wie es dazu kam, dass Alice sich mit der Erkrankung und ihren Symptomen auseinandergesetzt hat.

Angy [00:10:36] Okay, ich wollte gerade sagen, weil du hast ja gerade gesagt, du hast es ein Jahr ungefähr ignoriert. Und was hat denn dann dazu geführt, dass du dich doch damit auseinandergesetzt hast?

Alice [00:10:46] Also ich hatte die Diagnose und den Schub relativ zeitnah. Und diese Symptomatik danach – ich vertrage auch kein Cortison, weil man gibt ja Cortison und Cortison nimmt die Entzündung, zieht sie aus dem Areal raus. Und wenn ich aber Cortison bekomme… Es gibt andere MS-Patienten, bei denen werden auch die Symptome dadurch verstärkt. Das heißt, du hast die ersten 3-4 Tage Ruhe, aber dann hast du 3-4 Wochen eine Verstärkung deiner Symptome. Hat nicht jeder. Ich habe das Glück gehabt – bei mir war das genauso. Und das heißt, ich habe dann erst mal gedacht: Okay, ich konnte nicht mehr aufstehen aus dem Bett, ohne mich erst mal über die Seite auf dem Boden zu rollen und dann auf allen Vieren zum Bad zu gehen. Und dann habe ich gesagt „Will ich das so?“ Und als diese Symptomatik rum war, dann habe ich gesagt: „Okay, cool, ich spüre nichts. Ich mache einfach genauso weiter wie vorher.“ Ich war da mitten in der Ausbildung zur Physiotherapeutin. Und das ist eine sehr körperliche Ausbildung. Und da habe ich gemerkt, es fällt mir jetzt auf einmal schwer, die Patienten zu bewegen. War da gerade in einer Orthopädie… Also alles gerade frische Knie, Hüftgelenke, viel gehen, viel laufen, viel schwimmen. Dann habe ich gesagt: „Okay, ziehe ich durch“. Und es war elf Monate später, da hatten wir ein Urlaub geplant für Irland. Und genau in der Woche bevor wir geflogen sind, habe ich den nächsten Schub gehabt. Das hat mich so innerlich schockiert. Ich sage immer, das ist so, als wenn ein Spiegel vor dir ist. Du schaust in diesen Spiegel rein und der zerbricht. Und du siehst auf einmal, dass das ein Trugbild war. Und du siehst, was wirklich Wahrheit ist. Das war für mich so – von der einen auf die andere Sekunde – ich konnte alleine nichts mehr machen: Ich konnte nicht mehr aufstehen, ich konnte nicht mehr Sachen anheben, selbst anziehen war schwierig. Selbst duschen, die Brause zu halten war schwierig. Der ganze Körper hat einfach gesagt: „Ich kann nicht, ich habe keine Energie, es funktioniert nicht.“ Und das habe ich schwer weggesteckt, diesen Schub. Dann hat mein damaliger Partner gesagt: „Dann fliegen wir nicht, dann bleiben wir hier.“ Und dann habe ich gesagt „Weißt du, das wäre jetzt das Schlimmste, was wir tun könnten. Ich brauche gerade… Ich muss raus!“ Und dann habe ich es tatsächlich nochmal verdrängt. Von 14 Tagen habe ich die erste Woche komplett verdrängt. Dann kam aber für mich so ein Schlüsselerlebnis. Und zwar sind wir zu einem Wasserfall gefahren und an diesem Wasserfall ist man erstmal so knapp 500 Meter eine sehr, sehr steile Steintreppe runter gegangen, um dann knapp zwei, drei Kilometer zu einem Herrenhaus zu laufen. Wunderschön. Die Kulisse sah so aus wie bei Jurassic Park. Das war total beruhigend. Und auch das Wetter: Es war kühl und leicht am Regnen, was mir bei der MS unheimlich guttut. Und dann haben wir noch diese Besichtigung gemacht in diesem Herrenhaus. Das Problem war, wir mussten diesen Weg ja noch mal zurück. Das heißt, die zwei bis drei Kilometer normale Strecke plus die 500 Meter fast senkrecht den Wasserfall hoch und zum Parkplatz. Und auf der Treppe zum Wasserfall hat meine Motorik versagt. Das heißt, ich bin mitten in der Bewegung eingefroren und ich konnte meine Beine nicht mehr bewegen. Ich habe dagestanden und dann hat er gesagt: „Komm, ich helfe dir, ich heb dich hoch“, und ich habe gesagt; „Mach das jetzt bloß nicht!“ Ich fühl mich gerade überhaupt nicht wertig. Ich kann meinen eigenen Körper nicht kontrollieren. Und dann hat er sich in der Schlaufe meiner Hose eingehakt, so unter der Jacke. Und dann habe ich gesagt: „Mach das und heb nur das Bein, sobald ich es probiere zu heben. Heb es einfach nur ein bisschen mit.“ Gut, ich habe es tatsächlich durchgezogen, bin die 500 Meter hoch und hab knapp eine Stunde dafür gebraucht. Und dann im Auto bin ich total in Tränen ausgebrochen und habe gesagt: „Okay, ich muss mir eingestehen, ich kann nicht mehr so wie vorher, das funktioniert nicht mehr.“ Das war für mich so der schlimmste Moment mit der MS tatsächlich, weil ich gemerkt habe… Ich war in Urlauben immer sehr viel am Wandern und am Gehen. Also so zwischen 25.000 bis 40.000 Schritte am Tag. Das war normal, weil ich möchte ein Land erkunden. Ich möchte nicht nur am Strand liegen oder so. Und das war auf einmal nicht mehr da. Das heißt, man musste Reisen planen und Tagesausflüge planen. Okay, dann war das nicht mehr „Wir gehen morgens los, kommen abends heim“, sondern gefühlt alle halbe Stunde: „Wo kann man sich hinsetzen, wo kann man eine Pause machen?“ Oder „Okay, pass auf, ich muss jetzt nach Hause“ – von der einen auf die andere Sekunde. Und das war schwer für mich.

Angy [00:14:56] Was für eine emotionale Geschichte.

Alice [00:14:58] Ja, es geht mir auch gerade wieder sehr nah.

Angy [00:15:01] Ja, ich habe auch gerade Gänsehaut. Wow. Und ja, jetzt hast du gerade von dieser interessanten und emotionalen Geschichte in Irland erzählt. Und wie lange hat es denn dann noch gedauert, bis du die MS wirklich als festen Bestandteil deines Lebens akzeptiert hast?

Alice [00:15:18] Jetzt muss ich überlegen. Das war… 2018 war das mit Irland. Ich würde mal sagen, noch so ein gutes Jahr. So 2019 um den Dreh, wo ich gesagt habe: „Okay, sie ist einfach da. Ich kann es nicht ändern.“ Genau, wo ich dann auch für mich selbst gelernt habe, auch Termine abzusagen und zu sagen: „Pass auf, mir geht es nicht gut.“ – „Ja, aber komm“ oder „Leg dich mal noch eine halbe Stunde hin“. Dann sage ich: „Nee, es geht nicht.“ Und wenn ich von einer auf die andere Sekunde absage, dann ist das okay – weil ich muss gucken, wie es mir geht. Und ich glaube, das hat deswegen noch dieses Jahr oder anderthalb gedauert, weil ich immer noch so gespurt habe im Endeffekt. Das heißt, wenn was abgemacht war, dann bin ich hin. Ich habe aber gemerkt… Auf einmal habe ich mich angehört, als ob ich total betrunken wäre, weil die Zunge taub wurde. Oder ich habe gemerkt, dass ich depressiv verstimmt bin und mich gequält habe, um den Leuten zu zeigen „Hey, ich kann immer noch am Leben teilnehmen. Ich bin immer noch toll!“, aber eigentlich hat alles in mir gesagt: „Hey, pass auf, du packst kaum die Beine zu bewegen. Warum tust du dir das an?“ Dann habe ich so überlegt, warum ich das mache. Und mir kam auch der Gedanke, dass ich das mache, weil ich so erzogen worden bin: Dass egal wie es mir geht, ich einfach genau das machen muss, was von außen erwartet wird. Und das war eine große Sache für mich, zu sagen: „Hey, nein, das ist mein Leben. Und ich, ich habe nur dieses eine Leben. Das sollte ich auch so gestalten, dass ich lange Freude daran habe.“ Und jetzt, heutzutage zum Beispiel weiß ich ganz genau… Ich habe gestern beispielsweise auch die Arbeit absagen müssen, weil ich motorisch nichts mehr machen konnte und ich gemerkt habe, ich wäre nicht in der Lage, Auto zu fahren, geschweige denn meine Hände unter Kontrolle zu bekommen, um irgendetwas zu machen – manchmal krampfen die auch einfach so. Und da habe ich gesagt: „Das funktioniert gerade nicht, das geht nicht.“ Dann habe ich auch im Bett gelegen und es kamen die Nervenschmerzen, dann habe ich gesagt: „Das war eine gute Entscheidung.“ Das wird vom Außen nur nicht so angenommen. Denn ich meine, ich bin 30, ich… die Leute sehen mich und sagen: „Du bist jung, du bist sportlich, du machst Yoga als Beruf, du bist Yogalehrerin. Ja, dir kann es ja nur gut gehen.“ Dann sage ich: „Wäre schön, wenn, aber es ist schwierig.“ Ich meine, man geht ja auch bei fremden Leuten jetzt nicht unbedingt damit hausieren, weil man möchte – auch beim Arbeitgeber oder so – auch zeigen „Hey, ich bin ein Mensch und ich bin immer noch wertvoll.“

Die Reaktionen aus dem Umfeld und wie Alice damit umgegangen ist.

Angy [00:17:41] Das heißt, du hast da relativ schnell und auch schmerzlich gelernt, dass du also einfach auf dich und deinen Körper hören musst. Zu dem Thema hast du ja gerade schon viel gesagt: Andere sagen mehr oder weniger eigentlich, wie’s dir geht und du noch so jung bist und sportlich. Musst du dich denn sehr oft erklären, weil Außenstehende deine Symptome nicht nachvollziehen können?

Alice [00:18:06] Ja, leider andauernd. Man denkt irgendwann, man müsste es jetzt nicht mehr… Aber auch gerade so bei der Familie, da kommen diese Kommentare: „Ja, dann machst du halt eine kleine Pause oder leg dich doch hin“, oder wenn wir unterwegs sind: „Wir machen dann eine kleine Pause.“ Ich habe mich komplett zurückgezogen davon, weil eine kleine Pause reicht nicht. Manchmal brauche ich zwei, drei Tage, um beispielsweise den Hausputz zu kompensieren. Oder wenn ich Geschirr abgewaschen habe, eine Stunde oder zwei – dann brauche ich zwei, drei Tage, in denen ich körperlich gar nichts mache. Das funktioniert aber nicht, weil ich ja auch arbeiten gehen muss. Und da gibt es auch so Kommentare: „Warum kannst du denn nicht?“ Oder gerade mit der Sonne… Ich leide in der Wärme sehr unter dem Uhthoff-Phänomen. Also diese Verstärkung der alten Schub-Symptomatik. Und sobald es warm wird, sind meine Nerven einfach so überreizt, dass ich innerhalb von Minuten anfange zu lallen und ich mich auch nicht richtig bewegen kann. Also ich fühle mich, als ob ich einen Marathon gerannt wäre und danach noch arbeiten gegangen wäre. So fühlt sich das in meinem Körper an. Und das passiert auch schon bei Temperaturen ab 25 Grad. Also nicht mal 30 oder 32 Grad, sondern bei 25 Grad ist bei mir die Grenze – sogar drunter, wenn kein Wind geht. Und das ist dann schwierig.

Angy [00:19:26] Ja, das heißt, ich höre heraus, es sind auch wirklich Menschen, die dir sozusagen nahestehen und die dich kennen und die wissen, dass du die MS hast. Wenn du dir jetzt was wünschen könntest von denen, wie sie sich vielleicht dir gegenüber verhalten, was wäre das?

Alice [00:19:39] Dass sie es akzeptieren, dass es Menschen gibt oder gerade mich gibt, die nichts dafür kann und von einer auf die andere Sekunde so Probleme bekommt. Sie müssen es nicht verstehen, weil jemand, der keine MS hat, kann es nicht verstehen. Und jemand, der MS hat und jemand anderes der MS hat – das heißt auch nicht, dass sie die gleichen Symptome haben. Und selbst die können sich komplett konträr sein. Einfach nur dieses Verständnis, die Akzeptanz: „Es gibt diese Sache. Ich kann es nicht verstehen, aber wenn du mir das erzählst, okay, ich glaub dir“, und einem dann nicht so gesehen einen Strick daraus drehen und zu sagen. „Ja, du sagst immer ab, du unternimmst ja nichts mehr, du igelst dich ein.“ Nein, ich schütze das, was ich habe und ich habe halt keinen gesunden Körper.

Angy [00:20:20] Ja, da höre ich auch viele Vorwürfe raus. Es wäre natürlich auch schön, glaube ich, wenn die einfach wegbleiben. Und gerade hast du ja auch schon erzählt, dass du in einer Partnerschaft lebst. Und dann hast du auch schon kurz von deinem Ex-Freund berichtet. Das heißt, ich höre jetzt so raus, ihr habt euch sozusagen nach der Diagnose kennengelernt, ist das richtig?

Die Beziehung mit ihrem jetzigen Freund und wie sich die MS auf den gemeinsamen Alltag auswirkt.

Alice [00:20:41] Sowohl als auch. Wir kennen uns seit knapp 12 Jahren. Das heißt, ich kannte ihn schon davor. Und ich habe ihm das vor kurzem erzählt: Ich habe mich auch schon vor 12 Jahren in ihn verliebt. Aber es war damals nicht die Zeit dafür. Und jetzt ging es mir letztes Jahr gar nicht gut, und wir haben über all die Jahre immer Kontakt gehalten. Wir haben immer geschrieben und irgendwie haben wir uns beide immer in Situationen geschrieben, wo es uns beiden nicht gut ging, und trotzdem war dann – unabhängig von Zeit und Raum – einfach dieses „Ich versteh, wie es dir geht und wenn dir die Decke auf den Kopf fällt, kannst du dich gerne melden.“ Und da wurde auch nicht gemeckert, wenn man sich mal einen Monat oder zwei nicht gemeldet hat. Und ja, im Sommer haben wir dann gesagt: „Komm, dann lass uns einen Kaffee trinken gehen. Und ja, er kam rüber und dann ist er nicht mehr gegangen.“

Angy [00:21:32] Wie schön. Und du, sag mal, wie wirkt sich denn die MS auf euren gemeinsamen Alltag aus?

Alice [00:21:39] Ich glaube, hier ist ein großer Faktor, dass das Verständnis, wie genau sich mein Körper dabei anfühlt, da ist. Er bemüht sich sehr, wenn ich ihm sage: „Pass auf, ich brauche jetzt eine Pause“, oder dies oder das. Und wenn ich sagen würde: „Pass auf, wir müssen jetzt rumdrehen, obwohl wir was anderes vorhaben“, würde er das direkt machen. Also er ist total lieb und möchte dann beispielsweise auch meine Hand nehmen und sie einfach nur streicheln, um zu zeigen „Hey, ich bin da, was brauchst du und wie kann ich dir helfen?“ Aber allein diese Berührung tut manchmal weh. Und es ist für ihn dann auch sehr schwer zu verstehen, dass so eine kleine Berührung schon so unheimliche Schmerzen auslöst. Also ich kriege da tatsächlich sehr, sehr viel Verständnis. Auch wenn ich sage „Du, pass auf, ich pack das gerade nicht“, dann sagt er: „Mach dir gar keine Gedanken, ich geh einkaufen oder ich saug das Haus. Mach dir da überhaupt keine Gedanken.“ Ich merk nur, dass es mir selbst mental zusetzt, an manchen Tagen so auf Hilfe angewiesen zu sein.

Angy [00:22:36] Ja, du hattest ja vorhin auch schon mal diese mentale Geschichte angesprochen. Gab es denn da irgendwas in der ganzen Zeit von der Diagnose bis heute, was dich da mental unterstützt hat?

Warum Alice eine Verfechterin der Psychotherapie ist und wie diese dabei helfen kann, besser mit der Erkrankung umzugehen.

Alice [00:22:46] Ich bin ein totaler Verfechter der Psychotherapie und mache das auch schon relativ lange. Ich habe schon mit 18 Depressionen gehabt und war da in Behandlungen, die mir aber nicht so geholfen haben. Und als das mit der MS rauskam und ich gemerkt habe: Okay, in dem Jahr der Verdrängung war das noch okay und danach bin ich so richtig abgekracht, weil die MS und Depressionen sich begünstigen. Also man kann von der MS Depressionen bekommen, man kann aber auch schon bestehende Depression durch die MS deutlich verstärken. Und dann hat das Ganze beispielsweise keine hormonelle Ursache, sondern eine körperliche Ursache. Und das sind zwei verschiedene Arten, die man behandeln muss. Und ich habe für mich gemerkt, dass ich jemanden brauche, bei dem ich einfach auch mal sagen kann, wie schlecht die Welt ist und wie mies es gerade einfach ist und wieso ich so Schmerzen haben muss. Und dies und das. Wo ich einfach auch mal weinen kann, ohne vor meinem Partner zu sagen: „Okay, ich weine jetzt hier“, oder zu Hause zu sagen: „Ich fühl mich grad furchtbar allein“, sondern einfach einen sicheren Ort zu haben, um zu sagen: „Der kann mir die Schmerzen nicht nehmen, aber der ist da und da kann ich mich einfach mal auf gut Deutsch auskotzen.“ Deswegen würde ich es auch jedem empfehlen – also man muss es ja nicht als Langzeittherapie machen, aber gerade nach der Diagnose, dass man auf keinen Fall alleine ist, dass man schaut, wenn man merkt: „Okay, die Unterstützung im Freundes- und Familienkreis ist jetzt nicht so da“, wie das bei mir jetzt beispielsweise auch der Fall war, dass man sagt: „Okay, man holt sich jemanden, der darin geschult ist auf Leute aufzupassen und mit denen zu arbeiten.“

Angy [00:24:21] Ja, und der aber auch irgendwie neutral ist.

Alice [00:24:24] Genau, ganz wichtig! Wenn man auch in der Therapie auf einmal merken sollte: Der geht jetzt aber gerade über eine Grenze… Oder wenn ich sage: „Es fühlt sich so und so an“, und der probiert mir das abzusprechen, dann aber auch zu sagen: „Nein, das hier bringt mir jetzt gar nichts“, weil es soll einem guttun und man soll sich nicht schlecht fühlen.

Angy [00:24:38] Ja, also auch da wieder auf sich selbst und seine Gefühle hören und ob das passt oder eben nicht.

Die ersten Berührungspunkte: Wie Alice zum Yoga kam.

Alice [00:24:45] Genau, und was bei mir beispielsweise direkt nach der Diagnose ganz, ganz wichtig war: Ein halbes Jahr vorher stand ich vor der Zwischenprüfung bei der Physiotherapie. Und mein damaliger Therapeut meinte, weil ich immer so angespannt war, ich solle doch mal Yoga ausprobieren. Und ich stand da so – ich habe damals sehr viel mit rohen Gewichten trainiert und bin stundenlang auf dem Laufband gelaufen – da habe ich gesagt: „Na ja, aber was soll ich denn mit Yoga? Das ist so ein bisschen dehnen. Finde ich jetzt nicht so cool.“ Und dann sagte er: „Versuchen Sie es mal, Frau Michel, das wird Ihnen guttun.“ Da habe ich mit Yoga angefangen und hatte meine erste Stunde. Und ich bin relativ beweglich, das kam mir schon mal zugute. Aber ich war noch nie so fertig – nach einer Stunde! Wo ich gesagt habe: „Okay, ich spür wirklich jeden Muskel im Körper“, und ich habe dann gemerkt: Hey, das holt mich aber auch irgendwo ab. Ich habe mich emotional anders gefühlt und habe dann angefangen mich einzuschreiben und habe dann regelmäßig Yoga gemacht – so einmal in der Woche – und habe irgendwann gemerkt, das ist aber zu wenig. Dann habe ich zwei bis dreimal die Woche Yoga gemacht und dann kam die Diagnose. Und das war dort mein Safe Space geworden. Weil ich war dort und wenn ich gemerkt habe, mein Körper möchte gerade nicht, hat die Lehrerin damals gesagt: „Dann setzt du dich einfach hin oder meditierst und lässt dich von der Gruppe so ein bisschen mittragen.“ Und da habe ich zum ersten Mal auch gemerkt, wie sehr Yoga mich emotional berührt und dass ich dort einfach sein kann, wie ich will, ohne eine Schablone füllen zu müssen, ohne sagen zu müssen: „Nee, ich bin die starke junge Frau, die das und das stemmt“, sondern einfach sagen kann: „Hey, ich bin gerade einfach k.o. und verletzt. Aber es ist okay so, wie ich bin.“

Angy [00:26:21] Ja, wir wollen ja heute noch auf jeden Fall über Yoga sprechen, aber davor gibt es auch noch so ein paar andere Steps, die du gegangen bist. Und wenn ich mich richtig an unser Gespräch vor dem Podcast erinnere, hast du ja auch mal eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau gemacht. Und dann hast du ja gerade schon erzählt, dass du dann irgendwie zur Physiotherapie Ausbildung gekommen bist. Wie kam da der Wandel?

Umwege als Versicherungskauffrau: Alice startet zunächst eine Ausbildung, auf die sie gar keine Lust hat.

Alice [00:26:48] Also ich wollte niemals zur Versicherung. Das war damals so, meine Eltern haben gesagt: „Okay, entweder machst du Bank oder Versicherung, Kind.“ Und ich so: „Eigentlich würde ich gerne im Zoo arbeiten.“ – „Nee, du machst Bank oder Versicherung.“

Angy [00:26:56] Ah, okay.

Alice startet mit dem Physiotherapie-Studium und wechselt dann in eine Physiotherapie-Ausbildung. Diese muss sie aber aus gesundheitlichen Gründen abbrechen.

Alice [00:27:05] Und auf einmal stand ich da am ersten Ausbildungstag und wusste jetzt nicht: „Habe ich mich jetzt für Bank oder Versicherung beworben?“ Das war ganz furchtbar. Ich war ganz aufgeschmissen am ersten Tag. Dann habe ich das aber drei Jahre durchgezogen. Ich wollte gerne wechseln, aber ich durfte nicht. Also habe ich das auf Biegen und Brechen durchgezogen, habe meinen Abschluss gemacht und habe dann auch noch ein halbes Jahr als Versicherungskauffrau gearbeitet, habe ausgelernt – und habe aber von Anfang an gesagt: „Das ist nicht meins.“ Ich wollte entweder mit Tieren arbeiten, das war so mein Traum, oder etwas im sportlichen Bereich machen. Es hat mir unheimlich gut gefallen, weil ich mit 18 auch angefangen habe, zum ersten Mal im Fitnessstudio zu trainieren. Und es hat mir Spaß gemacht, mich einfach körperlich zu betätigen und ich dachte: „Hey, wie cool wäre es denn, Geld dafür zu bekommen, wenn du etwas tust, das dir Spaß macht und damit Leuten auch noch hilfst?“ Ich habe gemerkt, dass dieses „Ich möchte Leuten etwas Gutes tun“ sehr, sehr groß in mir drin ist – ohne dieses „Ja, du musst das und das“, sondern: „Hey, ich kann dir einen Weg zeigen, wie es dir vielleicht 10 Minuten am Tag besser geht.“ Und dann habe ich so ein bisschen überlegt. Dann habe ich zwischenzeitlich in einer Videothek gearbeitet und habe dann meine Bewerbung für ein duales Studium in Physiotherapie rausgeschickt. Ich habe das dann ein Jahr gemacht, nebenbei gearbeitet, um mir die Spritkosten und alles leisten zu können. Und nach dem ersten Jahr sollten wir ins Praktikum gehen und wir hatten nur Theorie gemacht – also zwar ein bisschen Praxis an den Mitstudenten, aber nicht so, dass ich sage: „Okay, ich könnte mir jetzt zutrauen, wenn jemand sagt: „Da ist ein Mensch mit einer neuen Hüfte“, was ich mit dem machen soll. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Und dann habe ich gesagt: „Okay, das nützt mir nichts. Ich möchte so nicht an Leute rangehen, sondern ich möchte kompetent an Leute rangehen.“ Also habe ich geguckt „Was gibt es als Alternative?“ Und dann gab es eine Ausbildung zum Physiotherapeuten in meinem Heimatort. Ich habe zu der Zeit auch noch mal in Lebach gewohnt und habe dann die Schule angeschrieben und gesagt: „Hey, wie sieht es aus? Ich habe jetzt ein Jahr studiert, ich habe die und die Noten in den und den Fächern und ich würde gern zu euch wechseln. Ist das möglich?“ Und dann haben die mir geantwortet: „Also es wäre für sie interessant, ich soll doch mal rüberkommen.“ Und dann hatten wir ein kurzes Gespräch und dann hat die gesagt: „Die Noten sind super. Das Problem ist: Das, was die im ersten Ausbildungsjahr verlangen, beispielweise bei der Balneo-Therapie – das ist mit Wasser, Kneipp-Aufgüssen und Elektro-Therapie – das wurde bisher im Studium gar nicht behandelt“, denn das war erst fürs letzte Studienjahr gedacht. Daher hat sie gesagt: „Okay, ich kann rüberkommen, muss dann aber nochmal komplett von vorne starten.“ Dann habe ich gesagt: „Na ja, das Wissen, das ich habe, das habe ich jetzt so gesehen im Kopf drin, z.B. die anatomischen Sachen. Gut, dann starte ich noch mal, weil ich sehe: Es ist Berufung für mich.“ Weil mir damals nach meiner Knie-OP ein Physiotherapeut dieses Berufsfeld so schmackhaft gemacht hat, weil ich fasziniert war, was der mit meinem Bein gemacht hat und wie gut es danach ging. Deshalb habe ich gesagt: „Okay dafür – für meinen Traum – mache ich ein Jahr nochmal.“ Und da habe ich dann mit der Ausbildung angefangen und war total happy. Da wurde viel mehr gefordert, da war viel mehr Wissen hintendran, ganz, ganz viel Praxis. Es war toll. Ja, und dann kam die Zwischenprüfung und so langsam der Einstieg ins Yoga. Und dann, das war nämlich 2017, habe ich mit der Ausbildung angefangen. Da hatte ich den ersten Schub unter der Diagnose. Und 2018, elf Monate später – das war gerade einen Monat bevor das neue Schuljahr angefangen hat – kam der nächste Schub als ich in Irland war. Danach habe ich mir eingestehen müssen: „Okay, das packe ich nicht mehr.“ Ich bin in die Schule und habe gemerkt, – also das ist bis heute, dass ich Probleme mit der Konzentration habe – ich lese mir was durch und wenn du mich zwei Minuten später fragen würdest, was ich gelesen habe, könnte ich es dir überhaupt nicht erzählen. Das ist nicht jeden Tag so, aber ganz, ganz oft. Oder auch wenn ich Seminaren folgen muss, oder – top aktuell – ich habe gerade ein Studium abgeschlossen zum Entspannungstrainer. Das war für mich… Ich habe ein Jahr verlängern müssen, weil ich habe es 10-14 Mal lesen müssen, bis sich mir der Sinn erschlossen hat. Und dann kommt noch die körperliche Komponente hinzu. Ich war da gerade in der Neurologie eingeteilt – sehr ungünstig –, habe den nächsten Schub bekommen und dann hatte ich eine Patientin mit einem Schlaganfall. Die hat mich angeschaut und hat gesagt: „Wissen Sie, kann ich das irgendwann wieder machen? Kann ich irgendwie meine Hand wieder bewegen?“, und die hat dann geweint, weil die hatte Angst. Sie wusste nicht, ob das wieder geht. Ja, und ich habe gesagt: „Ach, das wird. Mit viel Übung… Und vielleicht auch nicht wie vorher – aber das wird wieder besser.“ Und dann bin ich raus und dann bin ich zusammengeklappt. Denn ich habe damals ja am selben Punkt gestanden. Ich wusste nicht, kann ich jemals wieder richtig laufen? Kann ich jemals wieder richtig Sport machen oder mich gesund fühlen? Und das war der Punkt, wo ich dann auch mit meinem Rektor gesprochen habe und er hat dann gesagt: „Hol dir die Zeit jetzt und komm zum ersten Schultag im neuen Schuljahr nochmal.“ Das waren dann noch mal vier Wochen, wo er gesagt hat: „Ist okay, wir beurlauben dich. Lass dir Zeit, füll deine Akkus noch mal auf. Lass dir alles durch den Kopf gehen.“ Also die Schule war super, die war total toll. So was habe ich noch nicht erlebt, dass man so auf Leute eingeht und sich die Zeit nimmt, die Sorgen anzuhören. Ja und dann bin ich damals zum ersten Schultag hingegangen, hab meinem Rektor vorher geschrieben und habe gesagt: „Ich kann das nicht weitermachen.“ Dann hat er gesagt: „Okay, dann kommst du am ersten Schultag noch mal in mein Büro rein“, und dann kam ich da rein und ich dachte so – Ja, da war ich 27 –: „Okay, ich habe jetzt eine zweite Ausbildung angefangen, die kann ich gerade nicht fertig machen.“ Ich hab mich gar nicht wertig gefühlt, weil ich abbrechen musste. Und für mich – ich war ja wie gesagt so erzogen worden, dass alles, was unter einer 2 ist, einfach schlecht ist – und wenn man etwas abbricht, das ist ja furchtbar! Man zieht das durch – auf Biegen und Brechen. Der Rektor ist mit mir damals dann in die Klasse und dann habe ich auch gesagt: „Ja, ich wollte nur Bescheid sagen: Ich muss die Ausbildung beenden, weil ich krank bin und ich es halt jetzt nicht mehr vor mir selbst verbergen kann – und auch nicht vor euch. Und ich weiß einfach, dass ich in dem Berufsfeld arbeiten möchte, aber ich kann es nicht.“ Und das war für mich ein ganz, ganz heftiger Schritt, das zu machen. Das hat mich auch ein paar Tage danach noch einfach emotional sehr, sehr viel Energie gekostet. Und da war es leider nicht förderlich, dass mein damaliger Freund dann immer gesagt hat: „Ja, guck mal hier deine Unterlagen“, – ich hatte so ein Namensschild, womit die Physiotherapeuten in der Klinik rumgelaufen sind – und er hat es mir immer hingehalten: „Schau mal“, und „Du schaffst das“, und „Vielleicht kannst du es in einem Jahr ja noch mal machen“. Da habe ich gesagt: „Du verstehst nicht, dass ich gerade etwas aufgegeben habe, weil ich weiß, dass ich es körperlich nicht schaffe.“ Das war sehr, sehr schwierig gewesen. Er wollte mich im Endeffekt motivieren, hat mich damit aber mehr demotiviert als andere.

Wie es dazu kam, dass Alice damit angefangen hat, Yoga-Stunden zu geben und warum es ihr Traumberuf ist.

Angy [00:33:47] Auch eine sehr emotionale Geschichte, Mensch. So, und jetzt hast du ja… Genau, jetzt kommen wir nochmal zum Yoga. Jetzt hast du ja gerade erzählt, dass du dann irgendwann Yoga angefangen hast, weil dir das jemand empfohlen hat. Und heute bist du auch Yogalehrerin. Wie ist es denn letztendlich dann dazu gekommen?

Alice [00:34:05] Das war die erste Yogalehrerin, bei der ich damals war, wo ich die Kontaktpunkte mit Yoga bekommen habe. Die hat damals gesagt: „Du, pass auf, ich fahre für 3 Wochen nach Indien. Ich würde ungern das Studio zumachen.“ Und ich war sowieso jeden Tag dort – so ein bisschen mentale Arbeit machen. Da hat sie gesagt: „Wie wäre es denn, wenn ich dir eine Abfolge beibringe, und du übernimmst Vertretungsstunden für mich?“ Und da habe ich gesagt: „Gerne, können wir mal schauen.“ Und dann haben wir das gemacht. Und ich habe dann drei Wochen lang Vertretungsstunden unterrichtet. Ich hatte ein, zwei Abfolgen, die ich durchgegangen bin, weil ich ja selbst Erfahrung im Yoga dann hatte und schon wusste, wie ungefähr die Bewegung aussehen muss, war das für mich auch okay. Da habe ich gemerkt: „Hey, das macht mir Spaß. Es macht mir ja nicht nur Spaß, es selbst zu praktizieren, sondern weil ich da diese Berührungspunkte, diesen Schnittpunkt habe zwischen „Ich tue den Menschen etwas Gutes“ und „Ich habe diese körperliche Komponente mit drin“, aber auch sehr, sehr viel diese mentale Arbeit. Und dann habe ich gesagt: „Okay, das wäre interessant.“ Wir hatten drüber gesprochen, dass wenn ich das jetzt richtig machen möchte, dass ich eine Ausbildung brauche. Und damals war ich noch im Physio-Verband und habe geschaut und dort gab es eine Rücken-Yoga-Trainerausbildung. Dann habe ich gedacht: „Okay das wäre für den Einstieg vielleicht nicht so schlecht – der Spagat zwischen Physiotherapie und Yoga.“ - und habe die Ausbildung gemacht. Das war meine erste Ausbildung gewesen. Dann habe ich gemerkt: „Okay, ich will mehr.“ Ich habe mal so ein bisschen im Internet geschaut: Welcher Yoga-Stil interessiert mich? Und weil ich immer noch aus diesem Denken kam „Es muss höher, schneller, weiter, es muss das Stärkste sein, du musst dich selber fordern“, habe ich dann Ashtanga Yoga für mich entdeckt. Und Ashtanga, sage ich immer, ist so der Leistungssport im Yoga. Da dachte ich so: „Cool! Ja, mache ich.“ Und alle anderen so: „Ernsthaft?! Mit der MS?“ Ich so: „Ja, mache ich.“ Und das habe ich dann auch begonnen. Ich hatte das Glück, dass ich in ein Studio reingekommen bin, die Ashtanga Yoga anbieten, aber mit Einflüssen aus der Therapie. Das ist auch jetzt mein Lehrer, bei dem ich jetzt in der zweiten großen Ausbildung drin bin. Ich habe Ashtanga Yoga gelernt, ich kann es traditionell unterrichten, kann es aber auch mit therapeutischen Einflüssen unterrichten. Das heißt mit Schulter-Themen, also wenn jemand sagt „Ich habe Probleme mit der Schulter, Handgelenk, Hüfte, etc.“, ich kann Leuten beibringen, den Atem zu regulieren. Und das ist für mich so bereichernd gewesen, weil ich durch einen Zufall – von meinem Ego getrieben – in dieses Studio rein bin. Und dort wurde ich komplett demütig, was meinen eigenen Körper angeht, weil ich gemerkt habe: „Hey cool, wenn ich durchpowern will, das kann ich manchmal einfach nicht. Aber ich muss deswegen nicht mit Yoga aufhören, sondern ich habe ganz viele Abwandlungen, die ich machen kann.“ Und das hat mich so abgeholt. Ich habe bis jetzt 7 – also zu dieser Ausbildung gehören immer Weiterbildungen. Das ist immer ein Wochenende. Sehr, sehr intensiv Praxis und Theorie, die alle ein therapeutisches Thema haben – und ich habe bis jetzt 7 von diesen therapeutischen Themen gemacht und verfeinere so gesehen meinen Unterricht mit jedem weiteren Modul noch mal mehr. Und ich habe Stundenkonzepte kreiert am Stuhl, wo die Leute nicht mal von einem Stuhl aufstehen müssen, z.B. für Leute im Büro, die sagen: „Okay, ich kann keine Matte ausrollen.“ Na gut, dann hast du einen passenden Stuhl, dann benutzen wir die Lehne und dies und das. Und ich habe auch Leute mit Schlaganfall, mit Parkinson, die ich im Yoga habe. Weil ich sage: „Hey, du hast einen Körper und ich kann dir helfen, dass du für dich eine Praxis kreieren kannst“. Und das war was, wo ich gesagt habe: „Das ist faszinierend“, weil ich selbst für mich auch etwas gefunden habe, ohne zu sagen: „Okay – wie beim Krafttraining – ich muss jetzt vier, fünf Tage aussetzen“, sondern „Nö, ich kann Yoga machen, das sieht halt ein bisschen anders aus dann, aber es ist immer noch Yoga und es tut mir gut.“

Angy [00:37:50] Ja, das hört sich so an, als wären da ganz viele Elemente, die dir wichtig sind und als hättest du die jetzt alle unter einen Hut gebracht. Das finde ich toll. Und es hört sich ja auch fast schon so ein bisschen an, als könnte man sagen, es wäre so ein Traumberuf, oder?

Alice [00:38:05] Ja, total. Ich habe auch gesagt: Wäre die MS nicht gekommen, hätte ich nicht diesen Dämpfer im Leben bekommen. Dieses „Du musst dies, du musst das und du musst 100 Prozent geben, auch wenn du es gar nicht kannst.“ Ich habe gelernt, dass mein Körper mir schon zeigt, wie es mir gerade geht, aber ich muss darauf hören. Das heißt, ich muss auch mit dem Kopf dabei sein. Wenn ich meinen Kopf nicht aufgeräumt habe, dann laufe ich oft über meine Grenzen und dann kollabiert der Körper, oder ich habe dann den ganzen Tag unheimliche Schmerzen. Wenn ich es aber schaffe, eine regelmäßige Yogapraxis zu haben, bin ich im Kopf relativ sortiert. Das heißt, ich bin ruhig, ich kann mich besser wahrnehmen. Wieso? Weil ich in dem Moment gerade meinen Körper habe und keine Ablenkung mit Fernsehen oder mit einem Gespräch, sondern ich bin nur mit mir selbst konfrontiert auf dieser Matte. Und der Ashtanga ist… Ich beschreib das immer wie das Auflegen meiner Lieblingsschallplatte. Weil es ist nicht wie eine CD, wo du durch skippen kannst, sagen kannst: „Okay, du springst noch mal zurück“, sondern du legst diese Nadel auf und es fängt an zu rauschen, du weißt, wie das Lied anfängt, dann kommt dein Lied und dann endet es. Die Nadel hebt sich wieder ab und läuft noch zurück zum Ständer. So ist für mich Ashtanga. Das ist einfach die immer gleiche Abfolge, die ich aber mit diesen ganzen Übungen verfeinern und auch abwandeln kann, so dass ich sage: „Okay, ich weiß, mir geht es heute so und so, ich kann meine Übungspraxis anpassen“, und das macht unheimlich viel, weil das diese – ich finde „Wertigkeit“ einen sehr schönen Begriff dafür –, weil es mich halt noch mal fühlen lässt: „Hey, ich bin immer noch wichtig und ich bin immer noch gut.“ Und das kann ich den Leuten weitergeben. Ganz viele sagen immer zu mir: „Hey, ich würde gern Yoga machen, aber ich kann nicht, weil ich bin zu kräftig oder ich bin zu alt, ich bin zu unbeweglich. Ich kann das nicht machen, ich habe eine gerissene Schulter“. Dann sage ich: „Doch, wenn du möchtest. Ich habe eine Praxis an der Hand, die kann ich dir mitgeben. Du musst nicht so und so aussehen.“ Was heute die Leute sagen: „Ich gehe zum Yoga“, das ist nur eine Asana Praxis. Asana ist die Körperform, die man einnimmt im Yoga. Aber Yoga ist so viel mehr. Das ist ein Weg, den du gehst. Also, wie gehe ich mit mir um? Wie gehe ich mit der Welt? Den Atem zu kontrollieren, den Geist zu kontrollieren… Und dann diese körperliche Praxis natürlich, damit du alles in Einklang bekommst. Und deswegen ist es für mich immer – wenn ich meine Stunden auch in einem Fitnessstudio aufbaue – wichtig, den Leuten zu zeigen: „Hey, das ist noch so viel mehr, was ihr machen könnt, aber ihr müsst es nicht machen.“ Das finde ich wichtig, dass man den Leuten die Freiheit lässt zu sagen: „Okay, ich gehe den Weg bis dahin mit“, oder „Ich will nur die körperliche Komponente haben“. Also, dass ich den Leuten nicht sage, was mir damals auf diktiert wurde: „Du musst mir folgen, egal was ich sage“, sondern ich erkläre es den Leuten und stell es ihnen frei, die oder die Form zu wählen, damit die Leute mit ihrem Körper in Kontakt kommen. Das ist superschön. Die Leute, die jetzt länger bei mir in den Kursen sind, die am Anfang gedacht haben: „Ich zeig jetzt, ich kann das alles“, die sagen „Okay, ich bin heute nicht so fit wie ich denke“ und fangen an, die Varianten abzuändern. Das ist superschön, wenn ich das sehe. Das ist so befreiend. Oder wenn sie auch kommen und sagen: „Du, mir geht es grade komisch, ich weiß nicht… Bei der Praxis sind mir Tränen gelaufen…“ Dann sag ich: „Das ist okay. Das sind einfach Emotionen, die fest waren, die einfach in dir irgendwo gespeichert waren, Energie, die nicht loslässt. Das darf jetzt einfach sein.“ Und ja, ich find es immer wieder wunderschön, wenn die Leute kommen und sagen: „Hey, mir geht es gut“, oder „ich freue mich auf diese Stunde mit dir.“ Ich fühle mich dann, als ob ich der Welt was geben kann, den Menschen was geben kann, was sie selbst so nicht gefunden hätten. Und das macht mich glücklich.

Angy [00:41:38] Ja, das ist ja auch genau das, was du vorhin schon angesprochen hast, was dir so am Herzen liegt. Deswegen finde ich es total schön, dass du da jetzt was für dich gefunden hast. Und ich finde es auch total schön – das ist zumindest das, was ich jetzt gerade da so raus höre –, dass diese Yogapraxis sehr individuell gestaltbar ist und dass das jeder machen kann. Also das ist das, was ich jetzt noch mal hier raus höre und auf jeden Fall allen, die jetzt zuhören und die vielleicht da irgendwelche Vorbehalte haben, noch mal auf jeden Fall mitgeben möchte. Toll finde ich das. Und du? Sag mal, du hast ja gerade gesagt „regelmäßige Yogapraxis“. Was heißt für dich regelmäßig?

Was regelmäßige Yogapraxis für Alice bedeutet und worauf man dabei achten sollte.

Alice [00:42:13] Also nicht einmal im Monat. Ich habe vorher auch gedacht, regelmäßig muss bedeuten jeden Tag. Das schaffe ich aber manchmal nicht. Das ist aber auch überhaupt nicht wichtig. Es ist eher, dass du sagst: „Okay, morgens setzt du dich gemütlich hin, merkst dann mit einer Tasse Tee in der Hand, dass der Geruch dir gut tut…“ Vielleicht machst du die Augen zu und lässt dich einfach mal auf diesen Geruch ein. Nichts denken, nichts fühlen – einfach nur dieser Geruch. Das beispielsweise ist auch schon Yoga, weil du anfängst zu meditieren. Eine regelmäßige Praxis ist für mich zum Beispiel, wenn du sagst, du machst jetzt dreimal die Woche Yoga. Ob du dir das jetzt fest einplanst oder sagst du lässt dir offen, wie du das machst… Am schönsten ist natürlich, wenn du sagst, du machst Montagabends, Mittwochsabends, Freitagsabends Yoga zum Beispiel. Oder du sagst: Jeden Samstagmorgen beginnst du mit deiner Yogapraxis, so dass du einen bewussten Tag oder eine bewusste Zeit hast, wo du sagst: „Okay, da mache ich Yoga“. Der Partner setzt sich jetzt z.B. abends an die Playstation oder schaut sich eine Serie an – in der Zeit nehm ich mir jeden Abend ein paar Minuten Zeit für mich und mache meine Praxis. Viele denken am Anfang einmal die Woche reicht. Aber je länger du Yoga machst, umso mehr merkst du: Das reicht dir nicht, für dich. Denn du freust dich auf diese eine Stunde in der Woche, aber um die persönliche Weiterentwicklung in deinem Yogastil zu haben, was Einsteiger angeht, musst du einfach regelmäßig üben. Vinyasa zum Beispiel ist ein eher fließender Stil. Da wäre es jetzt nicht so, dass ich sage: „Okay, ich muss jeden Tag praktizieren“, weil die Stunden nicht aufeinander aufbauen. Aber Ashtanga ist diese eine Abfolge. Das heißt, wenn du das Alphabet lernen willst und hörst dann irgendwann bei C auf und sagst eine Woche später: „Okay. Jetzt will ich aber gerne D, E, F machen“, dann musst du noch mal mit A, B, C anfangen, um dann weiterzumachen. Bei Vinyasa ist das so, du machst von A bis F und dann machst du X und Z in der nächsten Stunde zum Beispiel. Das ist dann so, du kannst reinspringen und sagen: „Okay, die Stunden sind komplett ‘Kopf ausschalten’.“ Aber wenn du dich mit dir selbst auseinandersetzen möchtest, dann ist Ashtanga Yoga und eine regelmäßige Praxis von ca. allen zwei Tagen schon eine gute Sache.

Angy [00:44:22] Inwiefern unterstützt dich denn Yoga oder auch das Geben der Stunden, deine MS noch ein Stück weit besser zu bewältigen?

Alice [00:44:31] Habe ich auch lange überlegt, denn ich habe ganz oft Tage, wo ich so starke Nervenschmerzen habe, bevor ich auf die Arbeit fahre, in denen ich mich frage: „Warum mache ich das da eigentlich? Mein Körper lässt es doch eigentlich überhaupt nicht zu.“ Und ich weiß, je nachdem, wo ich gerade unterrichte, muss ich die Stunde mitmachen. Denn wenn Leute neu anfangen mit Yoga, und der Lehrer aufhört, eine Bewegung zu machen, hören die auch auf. Und dann weiß ich, dass ich dann die ganze Stunde mitmachen muss. Bei den Geübten weiß ich, da kann ich jetzt raus und weiter ansagen, weil die wissen, wie die Abfolge gerade geht. Dann sitze ich manchmal da und merke so zwei, drei Minuten vorher: „Okay, mir geht es gerade nicht gut. Ich falle grade sehr in ein Loch rein und mein Kopf… Alles ist weg. Alles, was ich unterrichten wollte. Ich habe gerade nichts mehr vor Augen. Ich kann nichts greifen.“ Und dann fange ich an. Und ich merke, ich werde ruhig. Meistens starte ich dann mit der Meditation. Ich werde dann ruhig und wenn ich ruhig bin, dann sind die Gedanken da und dann fange ich an… Ganz oft habe ich eine Stunde geplant und mache was ganz anderes, weil ich merke, die Energie im Raum ist anders, die Leute sind anders. Dann plane ich um. Und wenn ich am Ende der Stunde sitze und sie alle liegen in Shavasana – in der End-Entspannung –, dann merke ich, wie wertvoll das ist, was ich tue und wie wichtig es einfach ist, den Leuten zu zeigen: „Hey, ihr braucht eine bewusste Auszeit und es ist vollkommen okay und vor allem sehr, sehr wichtig zu sagen: Ich hol mir meine eigene Zeit.“ Und ich kann diesen Personen diese eine Stunde in der Woche für sich schenken. Je nachdem, in welchen Kurs sie sind, vielleicht auch Stunden. Aber ich kann ihnen diese bewusste Auszeit schenken. Ich kann ihnen helfen abzuschalten. Und das ist für mich so wertvoll, dass ich sagen kann: „Okay, das stärkt mich mental noch mal“, sodass ich, auch wenn ich einen schlechten Tag habe, sage: „Hey, aber ich weiß, ich kann Menschen helfen.“

Angy [00:46:23] Das befruchtet sich gegenseitig, oder?

Alice [00:46:24] Genau.

Angy [00:46:25] Und wissen denn deine Yogaschüler, so nenne ich sie jetzt mal, von deiner Erkrankung?

Wie Alice ihren Yogaschülern von der MS berichtet hat und wie sie damit umgeht, wenn es ihr beim Unterrichten mal nicht so gut geht.

Alice [00:46:32] Ulkig, dass du das gerade ansprichst, weil ich wollte das gerade im nächsten Satz erwähnen. Das war super. Manche ja, ich habe am Anfang das den Leuten nicht gesagt, weil du kommst da hin und du siehst den Yogalehrer, du siehst die Location und denkst: „Cool, ich will einfach abschalten. Der Yogalehrer mach das schon.“ Und Yogalehrer werden ja auch… Je nachdem was du machst, kriegt so ein Yogalehrer auch schnell den Status eines ‘Gurus’ und dem muss man folgen. Und so ein Guru, genau wie so ein Führer oder ein König oder irgendwas, die müssen ja nach außen hin komplett präsent sein und dürfen keine Schwäche haben. Und dann hatte ich damals eine Frau bei mir im Kurs – das ist schon zwei Jahre her. Und ich wollte mit denen den Sprung in den Handstand üben. Ich habe gesagt: „Ihr müsst nicht stehen, sondern traut euch einfach mal – vertraut euren Händen –, und traut euch mit den Beinen einfach mal in die Luft zu kommen. Ihr müsst nicht stehen, sondern einfach nur so ein bisschen rein springen“. Und die Frau hat gesagt: „Ja, du bist ja noch jung, du kannst das.“ Und dann stand ich da… Ich hatte an dem Tag, ich glaube 15 Leute im Kurs und bin von dieser Person weg, hab gelächelt, bin vorne auf die Matte und dann habe ich gesagt: „Wisst ihr was? Es ist ein ganz guter Aufhänger gerade. Denn ihr seht mich hier: Ich, jung, sportlich, mache Yoga. Das sieht schön aus, was ich mache. Aber es gibt Tage, da schaffe ich es nicht allein mich anzuziehen. Und heute ist so ein Tag. Ich habe überall Schmerzen. Und ich bin hier und ich zeige dir: Hey, ich bin auch nicht gesund. Und wenn du sagst, du bist zu kräftig für Yoga oder zu alt oder zu unbeweglich, zeige ich dir: Das funktioniert. Wir passen es nur einfach an dich an.“ Und da hat die Frau neben mir gestanden und sagte: „Ich hätte nie gedacht, dass du krank bist. Das sieht immer so leicht aus.“ Und dann sagte ich: „Ja, ihr seht ja auch nicht, wie es mir geht, wenn ihr den Raum verlasst – wenn ich dann allein hier sitze.“ Ich habe mich damals schon mal abholen lassen müssen, weil ich meine Beine nicht mehr bewegen konnte. Ich konnte kein Auto mehr fahren. Weil ich aber gemerkt habe, das Unterrichten selbst gibt mir so viel für meine Psyche, für meine Gesundheit, lässt mich so viel Lebensfreude entwickeln in dem Moment – das ist es mir wert. Und dann habe ich angefangen, öfter in Kursen zu sagen, dass ich krank bin, einfach nur um den Leuten zu zeigen: Auch wenn ich mal einen Tag hatte, wo es mir nicht gut ging, habe ich gesagt: „Passt auf. Ich habe das und das. Mir geht es heute nicht so gut, aber ich werde eine sanfte Stunde mit euch machen, so dass ihr auch lernt, einen sanften Yogastil zu praktizieren. Oder dass ihr auch seht, wenn es euch mal nicht gut geht: Wie kann ich damit meine Praxis beispielsweise kombinieren?“ Und das fand ich dann sehr interessant, weil ich meine Probleme von dem Tag an so umgemünzt habe. Jeder hat mal einen schlechten Tag und jeder fühlt sich mal einfach k.o., weil die Arbeit überanstrengt und man den ganzen Tag auf den Beinen war. Dann zu sagen: „Okay, ich gehe jetzt noch anderthalb Stunden in eine anstrengende Yoga-Klasse rein“, das Ziel ist nicht für jeden erreichbar oder gewollt. Und dann noch zu sagen: „Okay, mir geht es heute nicht gut. Lasst uns heute eine sanfte Stunde machen, was auch wenn ihr mal total k.o. seid, zeigt: Okay, so kann Yoga auch aussehen und so kann ich das für mich übernehmen.“ Das war für mich total wertvoll zu sehen, dass das auch so gut angenommen wurde.

Angy [00:49:39] Auch ein spannender Auftakt, der dazu geführt hat, dass du es erzählt hast. Inwiefern kannst du denn auch anderen MS-Betroffenen Yoga empfehlen?

Yoga als Hilfe im Hier und Jetzt zu leben und warum Alice jedem empfehlen würde, Yoga zu praktizieren.

Alice [00:49:53] Also ich würde prinzipiell Yoga – ob mit MS oder nicht – jedem empfehlen. Gerade bei MS finde ich sehr wichtig. Denn ich kenne keinen, der MS hat und sagt, dass es ihm immer auch mental gut geht. Es sind dann so Kleinigkeiten, die einen aus der Bahn schmeißen oder die dazu führen, dass man mit sich selbst hadert. Mit Yoga lernst du, deinen Körper so anzunehmen, wie er jetzt gerade ist, nicht wie er gestern war. Damit habe ich sehr gehadert. Dieses „Ich war doch so sportlich und ich konnte fünf Stunden auf dem Laufband gefühlt laufen. Und ich konnte 200 Kilo stemmen. Wieso geht das nicht?“, sondern dieses „Hey, heute ist ein neuer Tag.“ Und deswegen – ganz wichtig – starte ich jede Stunde auch mit einer Achtsamkeitsmeditation, wo ich sage: „Geh von der Perspektive aus, wie’s dir jetzt geht. Alles was vor einer Stunde war oder was in einer Stunde sein könnte, sind andere Sachen.“ Und gerade mit MS, wo wir uns oft zu viel Arbeit aufladen, weil wir nicht merken, dass der Akku seit dem Aufstehen eigentlich schon 50 Prozent leer ist, und wir denken: „Hey wir sind eigentlich bei 100 Prozent!“ Und merken nach einer Stunde, da funktioniert nichts. Und um das besser lernen zu können und zu spüren: „Hey, wie ist mein Akku eigentlich gerade? Okay, ich habe heute geplant, mit Freunden im Wald spazieren zu gehen“, und du setzt dich hin und fängst an, dich mit der Meditation mit dir selbst auseinanderzusetzen. Du fängst dann mit den ersten Bewegungen an, wo du merkst: „Okay, ja, heute kann ich das machen“, oder „Ich sollte vielleicht den Freunden sagen: ‘Es kann sein, dass wir es vielleicht doch absagen müssen, oder lasst uns was Ruhiges machen.’“ Das ist total wichtig und faszinierend. Denn ich bin ganz oft – auch wenn ich aufgebracht war – ins Yoga rein und habe dann gesagt: „Okay und heute power ich durch“, und spätestens nach dem zweiten Sonnengruß – den ich eigentlich voller Power gemacht hab… Mit heraufschauender Hund und so richtig gehalten im Brett – habe ich dann gemerkt: „Okay, vielleicht machen wir heute einfach nur Katze-Kuh und machen keinen herabschauenden Hund, sondern legen uns in die Stellung des Kindes rein und atmen da unsere 5 Atemzüge, weil der Körper mir gerade einfach überhaupt nicht das bringen kann, was ich gerade von ihm verlange.“ Und das war für mich sehr, sehr wichtig, wo ich auch anderen Leuten sage: „Hey, egal ob gesund oder nicht gesund – aber gerade, wenn du nicht gesund bist –, lerne die Zeichen deines Körpers zu verstehen. Du musst nicht akzeptieren, dass der gerade einfach k.o. ist. Ich habe auch Tage, wo ich sage: ‘Warum willst du jetzt gerade nicht?’ Aber du lernst zu verstehen, dass du so Tage hast. Du lernst es zu akzeptieren, weil du dir die Zeit nimmst, in deinen Körper reinzufühlen.“ Und es ist ganz, ganz schwer. Die meisten Leute haben Probleme bei Shavasana, bei der End-Entspannung oder zu lernen, zu meditieren. Aber wenn du es mal drin hast… Und ich setze mich ganz oft einfach hin und merke dann: „Okay, es kribbelt in den Beinen, die Nervenschmerzen sind heute sehr stark. Gut, dann sollte ich heute schauen, dass ich möglichst viel über die Sprache unterrichte.“ Oder ich such mir eine Stunde aus, wo ich weiß, dass ich mich nicht viel bewegen muss, oder wir machen was sehr Sanftes. Das ist ganz, ganz wichtig für mich, immer zu gucken: Wie geht es mir, was kann ich weitergeben und wie könnten es den Leuten gehen?

Angy [00:52:51] Ja, das klingt alles sehr schön, was du da machst. Wirklich toll.

Alice [00:52:56] Danke.

Angy [00:52:56] Ja, wirklich, das inspiriert mich sehr. Und, wie geht es dir denn jetzt? Sage ich mal rückblickend mit deinem beruflichen Weg und dem, wo du jetzt gelandet bist.

Warum Alice der MS dankbar ist und wie sie durch die MS gelernt hat, sich auf die kleinen Dinge zu fokussieren und diese zu schätzen.

Alice [00:53:07] Ich habe gesagt, wäre die MS nicht gekommen, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Ich wäre wahrscheinlich immer noch in einem Beruf, der mir sehr wahrscheinlich nicht unbedingt Spaß macht. Ich würde immer noch Trainingspläne und Diäten machen. Ich würde immer noch auf sehr, sehr viel Fitness setzen, aber ungesund. Ich würde mein Leben nicht wahrnehmen als das, was es ist. Und als der nächste Schub damals kam – kurz vor Irland – habe ich mir gedacht: „Hey Mist, was ist denn, wenn du den nächsten Schub hast und sitzt im Rollstuhl und das Einzige, was du gemacht hast, ist Diäten zu halten, durchzupauken und in dem Beruf zu arbeiten, der dir gar keinen Spaß macht. Was ist denn, wenn du einfach von heut auf morgen aus dem Leben gerissen wirst?“ Ich meine ich wurde schon aus dem Leben gerissen. Denn mein Leben ist überhaupt nicht mehr so, wie das eines gesunden dreißigjährigen Menschen. Ich bin körperlich manchmal gefühlt knapp um die 70. Und was will ich denn für mein Leben? Will ich das genauso machen, oder möchte ich jeden Moment genießen? Und als dieser Schub kam, hat bei mir dieses Denken angefangen: „Hey, was ist, wenn es morgen nicht mehr so ist wie heute? Was ist, wenn heute der letzte Tag ist, an dem du deinen Körper so annehmen kannst, wie es jetzt gerade ist?“ Und da habe ich angefangen umzudenken und dachte so: „Gut. Ich versuche jeden Tag mindestens eine Sache zu finden. Es ist okay, wenn es nur eine Sache ist, die mich aber zum Schmunzeln gebracht hat, um zu sagen: ‘Okay, es ist ein guter Tag gewesen’.“ Und da habe ich angefangen zu überlegen: Wie möchte ich für mich mein Leben gestalten? Und dann kam das mit dem ganzen Yoga und ich dachte dann irgendwann… Auch die ganzen Rückschläge… Ich hatte Probleme mit der Familie bekommen, dann habe ich mich auch von meinen Freunden distanziert, weil da kein Verständnis kam, sondern nur Vorwürfe. Dann hatte ich Probleme mit eifersüchtigen Kollegen, die, anstatt zu sagen: „Hey, cool, wir bringen das Ganze zum Laufen und wir kriegen Kunden“, gesagt haben „Du greifst mir die Kunden ab“. Wo ich gesagt habe: „Das ist ja komplett konträr zu dem, was eigentlich Yoga ist. Das habe ich damals nicht verstanden und verstehe ich auch heute nicht. Und ich dachte so: „Warum muss ich durch so viel Leid gehen?“ Und habe aber gedacht: „Hey, wäre das damals nicht passiert, ich wäre niemals alleine zum Yoga gekommen.“ Ich hätte niemals gesagt: „Okay, weil ich so gestresst bin, mache ich jetzt Yoga.“ Ich wäre damals noch drei Stunden im Studio pumpen gegangen. Das wäre für mich der Ausgleich gewesen. Und deswegen sage ich: „Ich bin dankbar dafür, denn ich habe durch die MS gelernt, mein Leben zu schätzen…“ Auch so kleine Momente: Wenn ich in der in der Sonne stehe oder wenn ich… ich glaube, ich höre bei dir Vögel im Hintergrund!

Angy [00:55:44] Ja, da sind Vögel. Ich gucke auch grade raus und die kleinen Meisen sind hier.

Alice [00:55:50] Das ist für mich beispielsweise superschön. Wenn ich im Bett liege und höre die Vögel. Ich genieße die kleinen Dinge viel, viel mehr als große. Und mir bedeuten materielle Dinge eigentlich gefühlt fast gar nichts. Sachen, die ich für die Arbeit brauche, ja… Aber ich bin kein materieller Mensch, sondern ich genieße einen Kaffee auf der Terrasse oder einen Vogel, der an mir vorbeifliegt. Und das hätte ich nie gemacht, wenn mein Leben nicht gesagt hätte: „Hey, pass auf, das könnte von heute auf morgen vorbei sein.“

Angy [00:56:18] Hach, das wäre so ein schönes Schlusswort, aber ich habe noch zwei, drei Fragen. Also, liebe Alice, ich nehme dich wirklich als wahnsinnig positiv, optimistisch wahr. Und ich meine, alle haben jetzt gehört, was du schon für ein Weg hinter dir hast. Wie gelingt es dir, so positiv zu bleiben?

Alice [00:56:40] Das ist tatsächlich eine sehr gute Frage. Ich habe ja am Anfang schon erwähnt, dass ich schon mit 18 begonnen habe, Depressionen zu haben. Und die sind teilweise so stark – jetzt unabhängig von MS –, dass ich keinen Sinn in meinem Leben sehe und einfach komplett leer bin. Und ich habe gesagt, „Hätte ich die Arbeit nicht, würde ich auch das Haus manchmal wochenlang nicht verlassen.“ Aber wenn ich von der Arbeit zurückkomme… – Also dieses Antreten und Unterrichten ist in dem Moment für mich sehr viel Überwindung. Nicht, weil ich es nicht machen möchte oder nicht liebe, sondern, weil ich es gerade nicht machen kann. Aber wenn ich dann dort bin und die Leute liegen oder sie kommen nach oben und wir reden am Ende… Das gibt mir noch mal so viel Energie zurück, so viel Freude. Wenn du die Leute beim Yoga anschaust, haben viele einen ganz verbissenen Gesichtsausdruck und du denkst so: „Oh Mist, denen gefällt gar nicht, was du mit denen machst.“ Dabei sind die einfach nur hochkonzentriert oder angespannt. Und am Ende der Stunde guckst du sie an und auf einmal lächeln die dich einfach total freundlich an und kommen zu dir und sagen: „Hey, das war so schön, wann bist du denn wieder hier?“ Und das sind die Momente, die mich so glücklich machen und wo ich sage: „Okay, es lohnt sich weiterzumachen mit diesem Leben, mit der Arbeit, die ich mache.“ So dass ich in diesen Phasen, in denen es mir echt nicht gut geht, weiß: Hätte ich die Arbeit nicht, würde es anders aussehen. Und deswegen leg ich mir meistens ganz, ganz viel Arbeit in diese Phasen. Zu Hause denke ich immer so: „Oh Gott, oh Gott, wie soll ich das schaffen?“ Aber sobald ich nach Hause komme, merke ich, dass ich etwas Gutes tue… Also, es ist genau wie mit dem Beschenken. Das muss ich als Beispiel bringen: Ich liebe es, Leuten Geschenke zu machen. Ich liebe dieses Gesicht und diese Freude von den Leuten. Ich brauch aber keine Geschenke. Und so ist das mit dem Yoga. Ich gebe den Leuten etwas, das ihnen guttut und kriege von ihnen ein Lächeln zurück, liebe Worte oder ein Kompliment. Und das hält mich dabei zu sagen: „Hey, es ist eigentlich schön, was ich mache. Und obwohl ich nicht gesund bin, habe ich etwas gefunden und trotzdem noch anderen Menschen etwas Liebe zu geben.“

Angy [00:58:54] Ach, wie schön. Ja, es wurde jetzt schon so viel gesagt und ich könnte dir noch 100 andere Fragen stellen. Es macht sehr viel Freude mit dir. Es ist sehr spannend, informativ, emotional – irgendwie all das, was ich mir zumindest von so einem Gespräch wünsche. Und dennoch: Gibt es noch irgendwas, was du unseren Zuhörer:innen unbedingt noch mit auf den Weg geben möchtest. Vielleicht auch so als Resümee?

Der Tipp von Alice für andere Betroffene: Sich nicht entmutigen lassen und dranbleiben.

Alice [00:59:17] Ja. Ähm, ich habe grad überlegt, ob es da noch etwas gibt, aber tatsächlich ist es: Nicht aufzugeben, egal wie schwer oder wie aussichtslos die Situation erscheint. Ich habe knapp sechs Jahre keinen Sinn in meinem Leben gesehen, wo ich gedacht habe: „Hey, was soll ich machen?“ Ich musste das Studium beenden für die Ausbildung, die Ausbildung wegen der Krankheit beenden, konnte nicht arbeiten, Depressionen kamen, Trennung kam… Ich war ganz alleine und auf einen Schlag habe ich dann einfach – weil ich bin, wie ich bin – Jobangebote bekommen. Dann wurde ich an der Uni angestellt, dann wurde ich im Fitnessstudio gefragt: „Hey du, du machst noch Yoga? Möchtest du nicht bei uns arbeiten?“, weil ich einfach authentisch bin. Und weil das den Leuten gefallen hat, wie ich bin und nicht das, was ich laut Gesellschaft sein müsste. Auf der Arbeit zum Beispiel weiß keiner, dass ich MS habe, also im Fitnessstudio. Das ist ganz interessant, wenn die dann den Podcast hören. Weil man mir das einfach dort nicht ansieht. Aber mir ist es wichtig, den Leuten mit auf den Weg zu geben: Egal was passiert, du weißt nie, für was es gut war. Deswegen habe ich auch zu meinem Freund gesagt: „Dass wir jetzt zusammen sind, ich bin mir sicher, das hat so oder so so kommen müssen.“ Es gibt Dinge, die passieren mussten – genau wie die MS. Wäre die MS nicht gekommen, wäre ich jetzt an einem anderen Punkt in meinem Leben. Und ich glaube, dass dieser Punkt ein deutlich unglücklicheres Ich wäre als das, was ich jetzt bin. Jetzt bin ich zwar krank und kämpfe jeden Tag damit. Aber ich habe meinen Traumberuf, ich habe meinen Traummann und ich kann Leute glücklich machen. Und das macht mich glücklich. Ja, also deswegen: Egal was passiert – und wenn es in dem Moment noch so schwierig oder noch so aussichtslos erscheint – bin ich mir sicher, dass natürlich nicht alles, aber dass vieles einfach aus einem gewissen Grund passiert. Und wenn wir den Mut haben, diesen Dingen zu folgen, die passieren, dann können – wie bei mir – ganz wundervolle Dinge entstehen. Also nicht entmutigen lassen, sondern einfach dabeibleiben und ja, ein bisschen offen sein.

Angy [01:01:23] Herzlichen Dank! Ich finde, das war jetzt wirklich ein ganz wundervolles Schlusswort. Ja, es hat mir wahnsinnig viel Freude bereitet und ich wünsche dir alles, alles Liebe von ganzem Herzen, alles Gute und dass es dir weiterhin gelingt, mit so einer tollen Einstellung durchs Leben zu gehen.

Alice [01:01:39] Ich danke dir sehr. Es hat mir auch unheimlich viel Spaß gemacht. Es war ein sehr, sehr schönes Gespräch und danke für die Erfahrung.

Angy [01:01:45] Ja, ich danke dir und ich hoffe, dass euch diese Folge genauso gefallen hat, wie auch mir und ihr einige Tipps mitnehmen konntet. Und schön, wenn ihr bei der nächsten Folge wieder mit dabei seid. Alles Liebe. Vielen Dank, dass du uns heute zugehört hast. Du hast Anregungen, Themenvorschläge oder möchtest selbst Teil des Podcasts werden und deine Geschichte mit uns teilen? Dann schreib uns per E-Mail oder direkt auf Instagram. Im Beschreibungstext findest du alle weiteren Informationen und Adressen. Wir freuen uns auf dich.

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