Herausforderungen in der Corona-Zeit
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Herausforderungen in der Corona-Zeit

Herausforderungen in der Corona-Zeit

Ein Virus, das alles verändert

Die Corona-Pandemie hat unser Leben in allen Bereichen auf den Kopf gestellt. Plötzlich mussten wir Abstand von unseren Mitmenschen nehmen, um sie zu schützen – privat als auch beruflich. Ohne direkten sozialen Kontakt fühlten sich viele einsam. Auch das Büro wurde mancherorts in die eigenen vier Wände verlegt. Die neue Art zu arbeiten stellte uns vor neue Herausforderungen: Wie geht Homeoffice, wenn man jahrelang im Office saß?

Neues Arbeiten - Neue Herausforderungen

Für die einen ist Homeoffice ein Segen: Der Arbeitsweg entfällt. Kein Warten am Bahngleis. Kein Stau auf der Autobahn. Endlich mehr Freizeit. Mehr Zeit für die Kinder, die Liebsten und eigene Hobbies. Für die anderen ist es ein Fluch: Laut der HR-Beratung Glint haben viele der Befragten Probleme mit dem Neuen Arbeiten – sie fühlen sich im Homeoffice erschöpft und zunehmend isoliert von ihren Freunden und Arbeitskollegen.

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Wer allein wohnt, fühlt sich einsam. Kinder werden zum Stressfaktor, die ständige Erreichbarkeit zum Hindernis. Die neue Situation kann sich negativ auf den Körper auswirken, da es uns schwerfällt, mit dieser Veränderung umzugehen. Müdigkeit, Schlafstörung oder gesunkene Leistungsfähigkeit sind die Folgen.
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Bitte nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch, sollten Sie seit mehreren Wochen mit diesen Symptomen kämpfen.

Experteninterview

Wir wollten es genauer wissen und haben Prof. Frank-Gerald Pajonk, Ärztlicher Direktor des Zentrum Isartal am Kloster Schäftlarn, zu genau dieser Thematik befragt. Prof. Pajonk ist spezialisiert auf die Behandlung von Depressionen, Angststörungen und belastungs-assoziierten Störungen.

Experteninterview mit Professor Pajonk - Initiative #GemeinsamGegenDepression

Corona und Homeoffice - welchen Einfluss dies auf uns hatte und immer noch hat

Es war und ist eine wilde Zeit mit viel Verunsicherung und Ängstlichkeit von Seiten der Patient:innen und Mitarbeiter:innen. Wir mussten, wohl wie die meisten, ständig die Betriebsabläufe ändern; es war und ist schwer, Routinen aufrecht zu erhalten, mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Eine Mitarbeiterin ist seit mehr als einem Jahr an Long-COVID erkrankt. Wir haben versucht, uns und unseren Patient:innen Sicherheit zu vermitteln. Etwa die Hälfte der Patient:innen nutzte und nutzt bis heute die Videosprechstunde. Für die andere Hälfte war und ist es wichtig, persönlich zu kommen, um Normalität im Außerordentlichen zu spüren.

Auch bei uns haben eine Zeit lang, während des ersten Lockdowns, einige Mitarbeiter:innen im Homeoffice gearbeitet. Unter dem Strich berichten unsere Mitarbeiter:innen von mehr Nach- als Vorteilen. Denn die Arbeit, gerade bei Kunden- oder Patientenkontakt, muss und soll ja überwiegend der normalen Arbeitszeiten gemacht werden. Wenn man dies zuhause machen muss, fällt es schwerer, Berufliches und Privates voneinander abzugrenzen. Die Ablenkungsmöglichkeiten sind größer. Insbesondere wenn Kinder oder Lebenspartner:innen auch zuhause sind, erwarten diese natürlich, dass sich auch um die gekümmert wird. Das erhöht insgesamt das Stressniveau. Bei Tätigkeiten, die nicht zeitrelevant sind und die man sich frei einteilen kann, kann natürlich das Homeoffice eine wunderbare Entlastung sein. Die Vor- und Nachteile hängen also sehr von der Tätigkeit ab. Und davon, wie sehr sich die Person von häuslichen Einflussfaktoren abgrenzen kann.

Als erstes fallen mir dazu die Begriffe Wertschätzung und Flexibilität ein. Wertschätzung meint, dass die Arbeit im Homeoffice nicht nur nicht abgewertet wird, sondern die besonderen Herausforderungen bei der Aufrechterhaltung der beruflichen Tätigkeit im Homeoffice auch gewürdigt werden, und zwar durch Arbeitgeber und Kolleg:innen. Und Flexibilität bedeutet, dass Arbeitsabläufe angepasst werden und jeder bereit und eigeninitiativ ist, das Mögliche aus der unmöglichen Situation herauszuholen. Daraus kann sich ein wunderbarer Teamgedanke entwickeln, der alle Beteiligten stützt. Und auch das verdient wieder Wertschätzung.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es zwei große Faktoren gibt, welche die Arbeit im Homeoffice negativ beeinflussen können. Zum einen die Doppelbelastung, wenn man sich im Homeoffice gleichzeitig auch um die Kinderbetreuung und das Homeschooling kümmern muss. Zum anderen fehlen gerade Alleinstehenden oft die Kontakte zu Kollegen und Kolleginnen.

Der erste Schritt ist Akzeptanz. Wenn Sie zuhause arbeiten müssen und Kinder zuhause im Homeschooling haben, dann können Sie nicht in beiden Bereichen präsent und strukturiert, voll aufmerksam oder voll wirksam sein. Das geht einfach nicht; Sie kommen nicht umhin, manche Dinge laufen- oder gar loszulassen. Sie können nur versuchen, das Mögliche zu schaffen. Dies geschieht durch feste Abläufe, Routinen und Rituale, die Sie sobald wie möglich etablieren sollten. Gegen die Vereinsamung empfehle ich ebenfalls feste Treffen oder (Video-)Telefonate zu vereinbaren. Sport und Bewegung in der Natur ist hilfreich. Und ich halte viel von der Kraft von Imaginationen und Affirmationen.

Viele dieser Menschen fühlen sich noch mehr allein und sind nun gefordert, ihre Gewohnheiten und Abläufe zu verändern. Das tut vielen weh. Ich habe aber festgestellt, dass viele Menschen nach den ersten Monaten der Pandemie tatsächlich kreativ ihr Leben ändern und sich anpassen. Und für manche Menschen mit vorbestehenden psychischen Erkrankungen war der Lockdown tatsächlich eine Entlastung, sei es, weil die Reizüberflutung im Alltag gemindert war, oder weil der Abstand in der sozialen Isolation im Vergleich zu anderen Menschen plötzlich geringer war – andere also plötzlich vergleichbar isoliert waren wie sie selbst schon vor der Pandemie.

Selbstverständlich können die Pandemie, der Lockdown bzw. deren Folgen Depressionen hervorrufen. Die Auswertung von Krankenkassendaten aus den letzten Jahren zeigt eindeutig, dass der Anteil von Arbeitsunfähigkeitszeiten durch Depressionen in den letzten zwei Jahren deutlich angestiegen ist. Dauerhafte Ungewissheit, wie es weitergeht, Angst um den Arbeitsplatz, Isolation zuhause und Überforderung durch doppelte und konkurrierende Aufgaben im Homeoffice ohne Aussicht, wann die Situation beendet ist, sind wirklich geeignete Auslöser für eine Depression. Selbst für Menschen, die ansonsten recht resilient sind.

Zumeist beginnt es mit einer gewissen Dünnhäutigkeit und Reizbarkeit, die Schlafqualität und -dauer wird schlechter. Die Menschen grübeln mehr, machen sich mehr Sorgen, erleben mehr und größere Stimmungsschwankungen. Sie benötigen gefühlt mehr Kraft, um ihre durchschnittliche Leistung erbringen zu können.

Das Wichtigste ist zuerst das Wahrnehmen der Anzeichen. Danach folgt das Gespräch darüber und daraus die Maßnahmen, die getroffen werden können. Oft ist es hilfreich zu entlasten, wo es nötig und möglich ist. Gemeinsame Unternehmungen oder auch nur Spaziergänge sind oft schon hilfreich. Grundsätzlich sollte mit Maß vorgegangen werden, aber manchmal ist es notwendig, auch direktiv gegen den Wunsch des Betroffenen einzuschreiten und ihn aus seiner Situation herauszuholen und ihm eine Auszeit zu verordnen. Das hängt davon ab, wie gut man sich kennt und wie hoch das Vertrauen ist. Letztlich gehört auch der Ratschlag dazu, sich professionelle Hilfe zu holen.

Ich hatte schon darauf hingewiesen, wichtig Routinen und Rituale sind. Damit aus Alleinsein nicht Einsamkeit wird, braucht es eine bestimmte Form von Sicherheit, die nämlich bedeutet, dass Alleinsein frei gewählt ist und jederzeit beendet werden kann. Insofern geht es bei allen präventiven Maßnahmen gegen den Einsamkeitsblues vor allem darum, Möglichkeiten für gemeinsames Erleben, Wahrnehmen und Fühlen zu schaffen. Das ist sicher nicht immer umsetzbar. Und genau da setzt die Wirksamkeit von Routinen und Ritualen an, die Struktur und Halt geben und damit helfen, Zeiten von Einsamkeit zu überbrücken. Auch regelmäßiges sportliches Training führt zu einem besseren Selbstwirksamkeitsgefühl, womit sich Phasen des Alleinseins besser überwinden lassen.

Tipps fürs Homeoffice
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Home alone im Homeoffice

Im Homeoffice wird die Küche plötzlich zum einsamen Büro. Gleichzeitig müssen wir unsere Kontakte stark reduzieren. Das kann sich auf die Psyche auswirken. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2021 gaben etwa 66 % der Personen an, dass sie ihren normalen Alltag vermissen. Mehr als die Hälfte der Befragten sagten auch aus, dass es ihnen schwergefallen ist, auf persönliche Kontakte zu verzichten.

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Melanie’s Erfahrungsbericht

Plötzlich in Isolation. Melanie’s Erfahrungsbericht: Wie die Quarantäne sie auf die Probe stellte

Portrait Melanie - Initiative #GemeinsamGegenDepression

Als Melanie geboren wurde, litt ihre Mutter bereits an Depressionen. Früh bemerkte Melanie auch an sich selbst Anzeichen dieser Erkrankung. Mit der Zeit fand sie einen Weg damit umzugehen – und dann kam die Corona-Pandemie. In ihrem Erfahrungsbericht schildert sie uns, welche Auswirkungen diese herausfordernde Zeit auf sie hatte.

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Ich dachte wirklich: „Schlimmer kann‘s nicht mehr werden.“ An die Corona-Zeit und die damit verbundenen Einschränkungen hatte ich mich endlich gewöhnt. Ich hatte auch endlich den Dreh raus, was meinen Alltag angeht. Fixe Rituale und Routinen sollten mir Halt geben. Und dann das.

Ich hatte kein Corona und war auch noch nie Kontakt-Person. Bis zum Januar 2022: eine Bekannte, die zu Gast bei uns war, wurde positiv auf Corona getestet. Wir mussten also in Quarantäne. Die ersten Tage machte sich eine Erleichterung breit. Man musste nichts mehr leisten und konnte dem Alltag ein wenig entfliehen. Doch fünf Tage später wurde auch mein Partner positiv getestet und alles wurde schlimmer. Aus Quarantäne wurde völlige Isolation.

Ich habe ganze zwei Jahre an mir gearbeitet und versucht, eine Art Normalität für mich zu kreieren. Habe mich der Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit entgegengestellt und gedacht, gewonnen zu haben. Plötzlich schien all das mit einem Mal verloren. In der Isolation verschanzte ich mich so sehr, wie noch nie zuvor. Ich hielt sogar einen Monolog darüber, ob der Hunger wirklich groß genug war, um aufzustehen und in die Küche zu gehen. „Muss ich wirklich so dringend aufs Klo, dass ich jetzt mein Zimmer verlasse?“ Es war noch nie so schwer für mich, eine Tür zu öffnen. Die Tage vergingen. Ich war müde und habe nur geschlafen. War so kaputt, dass ich es nicht einmal schaffte, den Fernseher anzumachen.

Vor Corona blieb ich verschont, aber meine Seele musste darunter leiden. Ich glaube, dass vielen Menschen gar nicht bewusst ist, was eine Isolation auslösen kann. Für mich wurde wieder einmal ein Dämon geweckt, der mich von innen verschlang. Nach so einer Zeit, all die Gefühle und Ängste wieder abzulegen und einfach mit dem Alltag weiterzumachen, ist schier unmöglich – und doch wird es von uns verlangt. Und während du dich fragst, wie ich diese Zeit unbeschadet überstehen konnte, versuche ich hier immer noch die Narben zu verstecken. So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei.

Mein Kampf hat wieder von vorne begonnen. Wieder muss ich mich jeden Tag aufraffen, um alltägliche Dinge zu erledigen, wie z. B. einkaufen zu gehen. Ich versuche mein Bestes. Manchmal klappt es, manchmal nicht - und das ist auch okay. Ich nehme jeden Tag so, wie er kommt. Ich versuche mich daran zu erinnern, dass ich es Wert bin, ein schönes Leben zu führen. Mittlerweile habe ich wieder zu einigen Ritualen zurückgefunden und bin auf einem guten Weg.

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Hatten Sie ein ähnliches Erlebnis? Wie ging es Ihnen in Ihrer Quarantäne oder Isolation? Und wie sind Sie mit dem Gefühl der Einsamkeit umgegangen? Teilen auch Sie gerne Ihre Geschichte mit uns auf Instagram! Gemeinsam können wir Betroffenen das Gefühl geben, mit der schwierigen Situation nicht allein zu sein.

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